Über das Buch „Die vergessenen Inseln“

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on pinterest
Share on whatsapp
Share on email

 

Detlef Jens sprach mit Thomas Käsbohrer über dessen neuestes, sein drittes Buch. 

Detlef Jens: Vor ein paar Tagen ist Ihr neues Buch mit dem Titel „Die vergessenen Inseln“ erschienen. Ein Buch ist an sich ja wunderschön, aber vielleicht auch etwas überholt wenn es um Reiseberichte geht?

Thomas Käsbohrer: Zugegeben: Video wäre mehr hipp. Oder Film. Einen kleinen Kinofilm habe ich mit „München – Antalya“ ja auch schon übers Reisen unter Segeln gemacht, das hat großen Spaß gemacht. Aber ich habe in den letzten drei Jahren festgestellt, dass mich die Arbeit an einem Buch, das Schreiben schon am meisten umtreibt. Irgendwie komme ich da in meinen Flow. Tatsächlich wollte ich das schon lange machen, fast ein Leben lang. Ich kam nur nicht dazu.

Wirklich ein Leben lang?

Ich war 2/3 meiner Schulzeit ein heillos schlechter Schüler. Deutsch bestenfalls Mittelmaß. Ich war oft verzweifelt darüber. Schulbank ist nicht meins – wie für viele geborene Lehrer übrigens. Als ich 9 war, tröstete eine kluge Grundschullehrerin meine Eltern mit dem Satz „Seine Begabung ist sein Sprachgefühl“. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber der Gedanke zu schreiben, war immer wieder da. Tagebuch geschrieben. Romane begonnen. Germanistik studiert. Eigentlich bin ich nur im Verlagswesen gelandet, weil ich dem Schreiben nahe sein wollte und kapieren wollte, wie man ein wirklich gutes Buch schreibt. Ich habe das dann etwas aus den Augen verloren, weil Verlag an sich eine fesselnde Droge ist. Aber nach meinem beruflichen Ende in einem Konzernverlag nach 28 Jahren war das Schreiben auf der anschließenden sechsmonatigen Segelreise schlagartig wieder da.

Zum Buch „Die vergessenen Inseln“. Ist das eigentlich ein Segelbuch?

Ja, es ist auch ein Segelbuch. Man kann dieses Buch als Segelbuch lesen, weil es nun mal die Art des Reisens ist, um die es im Buch geht und die mich am meisten fasziniert. Segeln ist einfach das Eintauchen in eine ganz andere, eine entschleunigte Welt. Und einer meiner drei heimlichen Helden in diesem Buch, um die sich alles dreht, ist natürlich das Mittelmeer und wie es ist, dort auf einem Segelboot unterwegs zu sein. Ich hoffe, ich konnte die Schönheit und die Beschwerlichkeit des Alleinsegelns im Mittelmeer so beschreiben, dass das nicht nur Segler so reinzieht, als wäre man selber an und unter Deck live dabei.

 

Drei heimliche Helden?

Das zweite ist natürlich etwas Historisches. Das Buch ist eine kleine Geschichte unserer Welt, erzählt anhand von 35 Inseln im Mittelmeer.

Ist Geschichte nicht auch etwas passé? Und was bedeutet Geschichte für Sie?

Ich denke eher nicht. Auf meiner ersten Reise durch die Ägäis nach Antalya habe ich von Insel zu Insel segelnd auf jeder Insel Dinge entdeckt, die unmittelbar etwas mit unserer Gegenwart zu tun haben. Die die Gegenwart verständlich machen, so dass man sie mit anderen Augen sieht. „Die vergessenen Inseln“ ist auch eine Ding-Geschichte, die sich eben um Dinge dreht: Zum Beispiel um Städte. Woher kommt es, dass wir lieber in Städten leben und es vorziehen, mit 3.781 anderen statt mit 30 auf einem Quadratkilometer zu leben?

Oder Geld: Seit wann gibt es das? Woher kommt das? Welche Rolle spielt es heute im Leben? Oder das Badezimmer. Wieso fängt eigentlich morgens der Stress an, wenn ich mein Badezimmer betrete? Weil gegenüber den 60er Jahren ungeheuer viel dazugekommen ist, was wir meinen, morgens im Bad erledigen zu müssen.

Oder Metall: Wie sähe eigentlich unsere Welt aus, wenn von einem Moment auf den anderen alles Metall aus der Welt verschwunden wäre?

Und vor allem: Wo begann eigentlich das, was heute tagtäglich unseren Beruf, unser Leben bestimmt: Handel. Einkaufen. Shoppen. Wie entstand das?

 

Sie sprachen noch von einem dritten „heimlichen Helden“ in Ihrem Buch?

Ja. Das ist die Rolle, wie Geschichten Einfluss nehmen auf unser Leben. Wie sie uns und ganze Gesellschaften tragen, beeinflussen und formen. Geschichten sind eine ganz verdeckte Sache: Wir spüren sie nie. Sie sind allgegenwärtig. Sie spielen sich in unserem Kopf ab, wenn wir morgens ein Foto auf Facebook sehen. Wenn wir nur die simple Zeile „Regenfront zieht aus Westen heran“ lesen, übersetzt das unser Gehirn in Sekundenbruchteilen in Stories. Sie beeinflussen unser Denken und Handeln mit dem Aufkommen von Social Media mehr denn je zuvor.

Warum könnte Vergangenheit, Geschichte mehr sein als nur „tote Steine“ oder erfolgreiche Film-Serien wie „Vikings“?

Auf meiner ersten Reise durch die Ägäis eher zufällig von Insel zu Inseln segelnd war ich verblüfft, was für eine ungeheure Konstante der menschlichen Entwicklung die Wanderung ist – bis in unsere Tage hinein. Ich meine damit jede Art von Mobilität. Mir war das nie bewusst, bis mir auf dieser Reise ein einfacher Pizzabäcker auf meine Frage, warum er denn genau an diesen Ort gelandet sei, antwortete: „Man stirbt nicht, wo man geboren ist“. Wanderung ist überall, nicht nur in Deutschland vom flachen Land in die Zentren, die ungebremst wachsen, nicht nur in den Flüchtlingsströmen übers Mittelmeer nach Norden, sondern auch in der gegenläufigen Richtung aus dem Norden im Sommer an die Küsten des Mittelmeers. Es gibt nur wenige Historiker, die sich subtil, doch fundiert mit Beiträgen bei diesem Thema einmischen. Der Brite David Aboulafia mit seiner großen Mittelmeer-Monografie hat als heimlichen Helden seines Buches die ungeheuere Wanderung, die auf dem Mittelmeer seit 6.000 Jahren historisch greifbar ist und die unsere Welt wie kaum etwas anderes geformt hat. Ich hatte das Glück, ihn im Februar in Berlin sprechen zu hören. Er hat die Rolle des Mittelmeers für unsere Welt, wie sie heute ist, mit dem Satz zitiert: „Das Mittelmeer endet kurz vor Krakau.“

 

Ihr Buch trägt den Titel „Die vergessenen Inseln“. Eine Zeichnung der Insel Mallorca ziert das Cover. Mallorca ist nun nicht wirklich eine vergessene Insel?

Unter den 35 Inseln sind bekannte und unbekannte. Kleine und bis heute namenlose Inseln. Und die größten Inseln des Mittelmeers wie Sizilien mit seinen fünf Millionen Einwohnern. Oder Mallorca mit seinen 4,4 Millionen Besuchern aus Deutschland. Mit beiden Inseln verbindet jeder von uns etwas. Doch vieles daran, was auf diesen Inseln stattfand und Einfluss auf unser Leben hat, ist dabei, in Vergessenheit zu geraten.

Was bedeutet der Untertitel „Eine Reise zu mir selbst?“

Eigentlich ist das etwas schräg, die Idee kam aus dem Verlag. Ich fand es aber ganz hübsch, weil sich darin zweierlei ausdrückt: Das Vordergründige ist natürlich: Was passiert, wenn man fast 30 Jahre einem geregelten Leben mit 40-Stunden-Woche nachgeht und dann plötzlich diese Welt verlässt und zu der Reise aufbricht, von der man immer geträumt hat. Das andere – und das kam mir an diesem Untertitel sehr gelegen – ist die Reise zu uns als Zivilisation, zu dem, wie wir uns selbst verstehen. Das mag nicht das Anliegen des Verlags gewesen sein – vielleicht hätte es besser geheißen „Eine Reise zu uns selbst“. Aber mir gefällt das Doppelbödige daran ganz gut.

 

Welche ist für Sie persönlich die schönste der vielen Mittelmeer-Inseln?  

Ich habe festgestellt: Immer die letzte, auf der ich mich gerade aufhielt. Und es ist egal, ob es Sizilien ist, das ich ja nun ein bisschen kenne oder Menorca, wo ich in den vergangenen Tagen zum ersten Mal und richtig verblüfft war.

Vielen Dank!

Hier geht es zum Buch „Die vergessenen Inseln“

Hier geht es zu einem weiteren Interview mit Thomas Käsbohrer

Kennen Sie jemanden, der das gern lesen würde? Hier klicken und teilen:

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on pinterest
Share on whatsapp
Share on email

Das interessiert Sie vielleicht auch

Video: Ein Liveaboard in Flensburg

Einfach mal als Liveaboard auf dem Schiff leben. Dauerhaft. Jahrelang habe ich das getan und tue es bald wieder, derzeit pendle ich zwischen Schiff und Land. Aber jetzt, Andreas. Er lebt seit zwei Jahren an Bord, in Flensburg, vor einiger

Ein romantischer Ort im Hafen von Amsterdam

Nirgends ist es auf dem Autodeck einer Fähre schöner als hier. „Pont 13“ heißt das Schiff nun, aber es fährt nicht mehr, sondern liegt, etwas abseits, am Haparandadamm fest. Jahrzehntelang brachte die 1927 als Dampfer gebaute Fähre Autos und Passagiere

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Digitale Empfehlungen

Ehrliche Empfehlungen

und zwar unabhängig von Werbung oder sonstigen Gefälligkeiten. Damit das so bleibt brauchen wir Hilfe.