Nicolette Milnes Walker: Als ich auf das Meer hinaus fuhr

Dieses Buch ist ein vergessener Klassiker unter der Segelliteratur, neu erschinene bei Kontrabande. Ein vor allem in Deutschland wohl vollkommen unbekanntes Werk, weil bisher noch nicht in unserer Sprache erschienen. Was sich nun glücklicherweise geändert hat dank dieser Übersetzung aus dem Kölner Verlag Kontrabande. Besser spät, als nie, kann ich dazu nur sagen, denn es ist wirklich lesenswert. Ein Zeitdokument nicht nur, aber vor allem des Seesegelns.

Geschrieben 1972 von einer jungen Frau, die gerade nonstop von Wales in UK nach Newport in den USA gesegelt war. Alleine, auf einem einfachen 9-Meter Boot. Mit der Technik der 1960er und 70er Jahre: Segelboot, Sextant, Windsteueranlage. Nicht im Passat, sondern auf der sehr viel anspruchsvolleren Route über den Nordatlantik. Wer damals von Europa nach Amerika segeln wollte, machte das eben so.

So ist dieses Buch auch geschrieben, fast, als wäre es nichts weiter Außergewöhnliches. Was es natürlich war, aber was nicht ständig erwähnt werden muss. Dafür lieber auf gut englische Art mit viel Understatement und einer guten Portion Selbstironie. Nicolette Milnes Walker, so heißt die damals 28-jährige, beschreibt in ihrem Buch nicht nur das Segeln oder die Natur, sondern beobachtet vor allem auch sich selbst. Kein Wunder, ist sie doch Psychologin. Manche würden das, in einer heutigen und schon wieder sehr abgenutzten Begrifflichkeit wohl als „eine Reise zu sich selbst“ bezeichnen. Was sie ganz gewiss war. Doch selbst das wird nicht höher gehängt als nötig. Auch das ist es, was die Lektüre dieses Buches so erfrischend und angenehm macht.

Bei alledem ist es auch seglerisch aufschlussreich und interessant. Das Boot war eine Pionier 9, eines der frühen GFK-Serienboote aus den 1960er Jahren, entworfen von Van de Stadt. Mit neun Meter Länge für heutige Verhältnisse winzig, war es damals allerdings nicht gerade klein. Das Segeln war natürlich Handarbeit, für jedes Manöver, jedes ein- oder ausreffen musste sie an Deck. Die Vorsegel, an Stagreitern gefahren und nicht gerollt, wurden auf dem Vordeck gewechselt, auch wenn ihr dabei in schwerem Seegang das Wasser auch schon mal buchstäblich bis zum Hals stand. Die Navigation war, wie sie eben war: Koppeln, Bauchgefühl und Standorte mit dem Sextant ermitteln. Nicht immer wusste sie genau, wo sie war. Nicht, dass das auf dem offenen Atlantik groß etwas ausgemacht hätte. Newport hat sie dennoch punktgenau getroffen, was wiederum eine echte Leistung war.

Schön auch, wie nonchalant sie die ganze Sache überhaupt angegangen war. Im Januar auf der London Boat Show war sie begeistert von den Booten und der Ausrüstung, die es dort zu sehen gab. Das beflügelte ihre Fantasie und sie begann sich vorzustellen, wie man eine Atlantiküberquerung wohl planen müsste, was man alles benötigen würde. Zuerst aus Spaß, dann aber nahm das Spiel ernstere Züge an und wurde schnell zu einem immer realeren Ziel. Gefragt, warum sie diese Reise am Ende tatsächlich unternommen hatte, sagte sie, sie habe keine guten Gründe gefunden, die dagegen sprachen. Schon im Juni des gleichen Jahres, 1971, war sie unterwegs.

Sie war Jollenseglerin, einmal war sie im Jahr zuvor mit Freunden auf einem größeren Schiff von England zu den Azoren und zurück gesegelt. Sie wusste in etwa, worauf sie sich einließ. Die Wahl ihres Starthafens, in Wales, zeugt schon von seglerischer Überlegung. Damit vermied sie den viel befahrenen Englischen Kanal, segelte gleich mit sehr viel mehr Seeraum nördlich von Cornwall auf den Atlantik hinaus. Unterwegs beobachtete sie sich selbst, hatte Angst, vielleicht ihre Stimme zu verlieren (sprach dann aber, als „Tagebuch“, ihre Gedanken auf einen Cassettenrecorder). Litt zwischenzeitlich auch an Zweifeln und Ängsten, überkam diese aber immer wieder. Nach 45 Tagen kam sie in Newport an und warf sich in das lokale Partyleben.

Nach England zurück fuhr sie sehr viel komfortabler, als Passagierin auf der „Queen Elizabeth II“. Nach einer kurzen und intensiven Phase der Bekanntheit, vor allem in England, zog sie sich konsequent aus der Öffentlichkeit zurück. Heiratete, bekam Zwillinge, eröffnete und führte gemeinsam mit ihrem Mann einen Buchladen in Dartmouth.

Zur englischen Neuauflage ihres Buches im Jahr 2023, anlässlich ihres 80. Geburtstages, hatte sie ein kurzes Nachwort geschrieben: „Ich wurde oft gebeten, einen Vortrag über die Atlantiküberquerung zu halten, habe dies jedoch stets abgelehnt. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr jenes Mädchen zu sein, das sich voller Begeisterung aufgemacht hatte, um sich selbst herauszufordern. Als ich dieses Buch nach so vielen Jahren erneut las, wurde mir klar, dass ich tatsächlich nicht mehr jenes Mädchen bin, sondern eine neue Version von ihr. Ich habe meine Meinung zu einigen der im Buch geäußerten Ansichten geändert. Aber ich erinnere mich an sie und weiß, dass ihre Erfahrung mir das Selbstvertrauen gegeben hat, mich so zu akzeptieren, wie ich bin und mich an meinem Leben zu erfreuen. Das scheint mir fast eine ebenso wichtige Errungenschaft zu sein wie die Überquerung des Atlantiks.“

Auf Deutsch erschienen im Verlag Kontrabande. Erhältlich über die Webseite des Verlages oder direkt beim Buchhändler Ihres Vertrauens.

Hier geht es zum LIterturboot-Interview mit Mac Conin von Kontrabande.

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