Das Buch „Brandung“ der in Frankreich bekannten Autorin Maylis de Kerangal zog mich gleich in seine Geschichte hinein, es hat eine geheime Kraft, einen Sog, ähnlich vielleicht der Brandung aus dem Titel, brutale Seen von ungeheurer Wucht nicht nur im Aufprall, sondern mehr noch im anschließenden, strudelnden zurückfließen. Aber worum geht es hier überhaupt? Dazu erst einmal der Klappentext des Suhrkamp-Verlags, in dem die deutsche Übersetzung erschienen ist: „Am Hafen von Le Havre wird ein Mann tot aufgefunden. In der Jackentasche ein Kinoticket und auf dessen Rückseite ihre Telefonnummer. Sie erhält einen Anruf des ermittelnden Polizisten. Nur: Was soll sie – Synchronsprecherin in Paris, Mutter und Ehefrau – mit diesem ermordeten Mann in der 200 Kilometer entfernten Stadt zu tun haben?“
Sie fährt nach Le Havre, der Vorladung des Polizisten folgend. Nach diesem Gespräch jedoch kehrt sie nicht gleich nach Paris zurück, sondern bleibt in Le Havre. Wandert umher auf den Spuren ihrer eigenen Vergangenheit. Verliert sich in Erinnerungen und Begegnungen, die wiederum neue Anstöße zu gedanklichen Ausflügen nicht nur ihrer persönlichen Vergangenheit geben, es geht dann auch um die besondere Geschichte dieser im Zweiten Weltkrieg gezielt komplett zerstörten Stadt und ihres Wiederaufbaus. Dann wiederum lernt sie zwei Ukrainerinnen kennen, die auf der Flucht vor dem aktuellen Krieg in ihrer Heimat und auf dem Weg nach England sind. Sowie den Baggerführer, der die Leiche des Mannes mit der Kinokarte und ihrer Telefonnummer entdeckt hat. Eine nur oberflächlich betrachtet verworrene Reise durch Vergangenheit und Gegenwart, die spannend und überraschend ist.
Nur eins bleibt ungeklärt – der eigentliche Fall des mysteriösen Toten und dessen unwahrscheinlicher Verbindung zu ihr. Bleibt es ein Zufall, hat sich jemand beim Notieren der Nummer verschrieben und gab es gar keine Verbindung? Oder ist es der, an den sie an diesem langen Tag in Le Havre immer wieder denkt?
Das dürfen, oder müssen wir lesenden selber entscheiden. Aber eigentlich ist es am Ende auch ganz unwichtig, nachdem so viele andere Fragen gestellt und behandelt worden sind.
Ein wirklich ungewöhnliches Buch, eine unbedingte Leseempfehlung von mir, welches auch als eine Hommage an die immer noch weitgehend unbekannte und unterschätzte Stadt Le Havre verstanden werden kann.
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