Atlantikfieber

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Die Classe Mini. 6,50 Meter kurz sind diese Boote, extrem breit, als Ozeanrenner gebaut. Total übertakelt, total verrückt. Die Segler und Seglerinnen? Wahnsinnige, möchte man denken. Viele von ihnen werden, oder sind, Profis. Die Rockstars aus Frankreich und England, fast alle haben hier angefangen. Boris Herrmann auch, ebenso wie Jörg Riechers.

Wer das Vendée Globe segeln möchte, jene Einhand-Nonstop-Weltregatta, oder auch andere Hochseerennen in der Open 60 Klasse, der, so scheint es, muss eine Mini-Transat in seinem seglerischen Lebenslauf haben. Der Umkehrschluss gilt jedoch nicht – wer ein Minitransat segelt, muss nicht zwangsläufig Segelprofi sein oder werden wollen. Immer wieder segeln hier auch Amateure im besten Wortsinn, aus Leidenschaft und Abenteuerlust, angetrieben von – ja, von was? Warum nimmt man das auf sich? Alleine unter extremen Bedingungen in einer solchen Nussschale über den Atlantik?

Vor Jahren lag ich mit meinem Schiff eingeweht in Gijon, Nordspanien. Es war ein stürmischer Herbst, gemeinsam mit einer Handvoll anderer Fahrtenyachten warteten wir auf das Wetter, um weiter nach Westen und Süden zu segeln. Es stürmte und heulte und schüttete und die Brecher donnerten auf die Hafenmole. Und dann kamen sie – mal ein, mal zwei, mal drei Minis auf einmal, von der Biskaya hinein in unseren Hafen, heftig gebeutelt und fast alle mit mehr oder weniger schweren Schäden an ihren kleinen Schiffchen. Erst wenige Tage zuvor waren sie in Frankreich gestartet, dieser Sturm hatte das Feld schon in der Biskaya arg dezimiert. Ruder- und Mastbrüche, einer wurde vom Rettungskreuzer herein geschleppt, nur einer kam aus eigener Kraft angesegelt, das Boot unversehrt, seine Moral aber nicht: Ich bin Familienvater, sagte er, ich habe kleine Kinder, dieses Risiko kann ich nicht auf mich nehmen. Alle wurden herzlich aufgenommen und auf den Fahrtenyachten aufgepäppelt mit warmen Decken, Getränken und Essen und Gesellschaft, bis die jeweiligen Teams über Land anreisten. Und was für Geschichten wir zu hören bekamen! Toll, aufregend, aber auch wahnsinnig. Immer wieder die Frage: Warum machen die das?

Nun kommt Jan Heinze. Segler, aber auch Familienvater und Firmeninhaber. Segelprofi will er nicht werden, aber die Abenteuerlust hat ihn gepackt. Dieses Rennen muss er segeln. Es ist ein langer Weg bis zum Start im französischen Douarnenez, immer wieder gibt es Rückschläge, Hindernisse, auch Zweifel. Aber er schafft es, an den Start zu kommen, und er schafft es, das Rennen zu beenden. Anders als damals einige der erschöpften Segler in Gijon kann Jan Heinze in seinem Buch vermitteln, warum das alles. Die Strapazen. Das Risiko. Die Angst.

Das Buch ist großartig, die Geschichte ist es auch. Vor allem ist dies ein Segelbuch der besten Art, sehr authentisch und sympathisch, noch nicht einmal im Ansatz beschönigend oder gar prahlerisch, einfach nur lebendig und mitreißend und dabei auch noch sehr gut geschrieben. Ob Drama und Action oder nachdenkliche Stimmungen, Jan Heinze bringt es rüber. Genauso, wie die bunte Szene der Mini Seglerinnen und Segler. Dieses Buch hat das Potenzial, Leben zu verändern. Warum nicht mal selber machen… denn: Auch als Familienvater, auch als Unternehmer kann man seine Vision, sein Projekt verfolgen und realisieren. Dies ist eine weitere wahre Geschichte als Beweis.

Kurz gesagt: Packend, inspirierend, auch unterhaltend. Ich jedenfalls habe dieses Buch in kürzester Zeit durchgelesen – sehr zu empfehlen!

Übrigens sollte man es nicht verwechseln mit dem Buch Atlantikfieber von Joe Jackson, erschienen im mare Verlag vor einigen Jahren. Dies bleibt denn auch die einzige Kritik: Vielleicht hätte man sich ja einen originalen Titel ausdenken können?

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