Der alte Seemann: Lieber ein bisschen, als gar nicht verrückt!

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Auf seine unverwechselbare Art war er ein typischer Engländer. Ein totaler Versager als Koch und ein großartiger Seemann. So ziemlich das einzige, was er an warmen Mahlzeiten selber zubereiten konnte, waren Spaghetti: „Ich koche diese langen, dünnen Dinger bis sie ganz weich sind und dann werfe ich eine Dose Tomaten hinterher“, war sein raffiniertes Rezept dafür. Allerdings segelte er ein wunderschönes Schiff, und das alleine. Es war ein klassischer, dänischer Gaffelkutter, den er vor einigen Jahren auch selbst restauriert hatte.

Mit diesem hölzernen Kutter hatte er weiß ich wie viele Meilen gesegelt, aber er war zu bescheiden, geradezu schüchtern, um darüber groß zu reden. Im Laufe unseres Treffens stellte sich allmählich heraus, dass er wohl schon viele Jahre vor allem im Nordatlantik unterwegs war. Und einige Jahre davon ohne Selbststeuerung, bis er sich seine eigene Windfahne baute.

Ein echter Seemann

Getroffen hatten wir uns in Bayona. Oder war es La Coruña? Egal. Ich segelte eines Abends in die Bucht, ließ meinen Anker fallen, gönnte mir meinen Ankunftswein und betrachtete sein Boot, welches nicht weit entfernt lag. Dann kam er vorbei gerudert, ein alter, zauseliger Typ in einer leicht heruntergekommenen Nussschale von einem Beiboot und sagte „Hallo“. Ich erwiderte: „Hallo. Willst du vielleicht ein Glas Wein?“ Er nickte und sagte: „Gerne, solange ich bis zum Shipping Forecast wieder bei mir an Bord bin!“ Damit band er sein Dinghy fest, kletterte an Bord und trank ein oder zwei Gläser. Und erwähnte ganz beiläufig, dass er noch heute Abend auslaufen würde. Er müsse nach England, um sich um einige persönliche Angelegenheiten zu kümmern.

Ich war Baff. Es klang, als wolle er den Bus nehmen. Immerhin waren wir hier in Nordwest Spanien und es war März. Die Biskaya um diese Jahreszeit ist kein Ententeich. „Schon“, gab er ruhig zu. „Aber ich muss ja nur nach Westen hinaus segeln, bis ich abfallen und England auf einem gemütlichen Kurs erreichen kann.“

So einfach kann das also sein. Oder zumindest so klingen. Bevor er absegelte, wollte ich noch sein Schiff ansehen. Ich kam mit zu ihm an Bord, wir lauschten gemeinsam dem Orakel, dem englischen Seewetterbericht, und unterhielten uns angeregt. Bis er mich sehr höflich und nett bat, doch nun zu gehen – er wolle jetzt auslaufen. Ich ruderte zu meinem eigenen Boot zurück und sah mit gemischten Gefühlen, wie er Segel setzte, seinen Anker aufholte und still und leise auf den Atlantik hinaus verschwand.

Wochen später hörte ich von anderen Seglern, dass er tatsächlich in ziemlich schweres Wetter geraten sei und mehrere Tage beigedreht gelegen habe, weit draußen im Atlantik, dann aber England wie geplant „auf einem gemütlichen Kurs“ erreicht hatte.

Leider habe ich ihn danach nie wieder getroffen, aber noch oft an ihn gedacht. Beim Fahrtensegeln geht es nicht (nur) um exotische Buchten, Palmen und weiße Sandstrände, sondern vor allem um die Menschen, die man unterwegs auf anderen Booten trifft. Viele von ihnen angenehm verrückt, jedenfalls nach den kalten Maßstäben einer modernen Leistungs- und Konsumgesellschaft, und daher umso liebenswerter. Die einfach mal „nach Süden segeln, weil dort der Wein billiger und die Menschen entspannter“ sind. Die mit wachsender Begeisterung in oft winzigen und feuchten Booten hausen, um ihren persönlichen Traum auszuleben. Was für die meisten von ihnen eine sehr bereichernde Erfahrung ist: „Das Leben an Land ist sicher, aber langweilig. Hier draußen sind die Amplituden zwischen den Emotionen extrem groß. Die Hochs sind sehr hoch, aber die Tiefs sind auch sehr tief“, sagte mir ein Engländer, der mit einem Folkeboot in Richtung Karibik unterwegs war, als wir ihn in Leixoes trafen. Und er sagte: „Bevor ich los segelte, machte ich mir Sorgen, dass ich einsam sein und Freunde und Familie vermissen würde. Eine der besten Erfahrungen unterwegs sind jedoch die vielen netten Menschen, die ich treffe. Und die sämtliche Vorurteile über Nationalitäten, Alter, Herkunft, was auch immer komplett zerlegen!“

Wie wunderbar ist das und wie wunderbar ist es, dass es immer wieder ein paar warmherzige Verrückte dort draußen gibt. Ich liebe euch alle!

 

(Foto: Küste bei La Coruña, von Diego Delso, commons.wikimedia.org)

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