Tom Cunliffe über Rollgroßsegel – im Baum

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Bob Dylan singt es in A hard rain’s gonna fall, und man sollte es ruhig beherzigen: „Ich werde mein Lied gut kennen, bevor ich anfange zu singen“.

Das ist ein guter Rat.

Vor Jahren segelte ich einmal auf einem Boot mit einem Rollgroßsegel im Baum: Das „In-Boom-Reefing“. Es war eine Katastrophe. Etwas später war ich auf einem anderen Schiff, auch mit einem Rollbaum, und auch das war nicht beeindruckend. Das Konzept machte zwar Sinn, aber die Ausführung schien nicht zu funktionieren. Der einzig logische Schluss daraus, dachte ich, wäre also, dass die ganze Idee für die Katz sei. Ich glaube, ich habe das sogar irgendwo geschrieben und veröffentlicht. Ein echter Fehler, zurückzuführen auf zu wenige eigene, praktische Erfahrungen. Ich hätte auf Bob Dylan hören sollen…

Mein aktuelles Schiff war, als ich es kaufte, mit einem nachgerüsteten Leisure-Furl-Rollreffsystem ausgestattet. Ich aber wollte ein herkömmliches, durchgelattetes Großsegel mit einem „Stack-Pack“ und nahm daher an, dass einer meiner ersten Jobs bei diesem damals neuen Schiff darin bestehen würde, den Baum zu tauschen. Das Boot zeigte jedoch einige deutliche Indizien, dass der amerikanische Voreigner insgesamt wohl recht genau wusste, was er tat. Also beschloss ich, das System auszuprobieren. Nach ein paar Pannen war ich von den hervorragenden Segeleigenschaften des Bootes und vom nahezu perfekten Stand des Großsegels überrascht. Jetzt, zehn Jahre und mehrere tausend Meilen später würde ich es um nichts in der Welt ändern. Und so funktioniert es:

 

Tom Cunliffe über Rollgroßsegel - im Baum - Literaturboot - Blog Die aufgenietete Mastschiene…

 

Tom Cunliffe über Rollgroßsegel - im Baum - Literaturboot - Blog

Der Kicker (Baumniederholer)

 

Das Segel rollt um einen substanziellen Dorn in einem stattlichen Baum, der nach oben offen ist, damit das Segel nicht einklemmen kann. Das Segelpersennig ist integraler Bestandteil des Systems und rollt sich auf Zug einer Leine nach achtern in den Baum hinein weg – eine Sache von zehn Sekunden. Zum Setzen des Segels schlage ich das Spektra-Fall am Kopf an, danach bringe ich den Großbaum mittels Kicker und Dirk in die optimale horizontale Ausrichtung. Dabei helfen mir Markierungen an den entsprechenden Leinen.

Dann belege ich das Fall auf der elektrischen Fallwinsch im Cockpit und bringe gerade eben etwas Spannung auf die Niederholerleine des Großsegels aus Spektra. Beim Setzen halte ich den Niederholer immer ganz leicht auf Druck, damit sich das Segel sauber und ohne Falten abrollt. Dabei ist natürlich die Großschot gefiert und das Boot so zum Wind gesteuert, dass dieser etwas vorlich einfällt und das Segel daher ohne Druck frei auswehen kann.

Sobald das Segel soweit oben ist, wie ich es haben möchte, belege ich das Fall und stelle mit dem Niederholer die Vorliekspannung ein. Zuletzt löse ich die Dirk und stelle den Kicker ein, und los geht’s.

Umgekehrt sich Reffen und Bergen ebenso einfach.

Alles das kann man sehr leicht alleine machen. Zu zweit ist es ein Kinderspiel. Dank des kräftigen Kickers, der Vorliekspannung und einem guten Traveller lässt sich mein durchgelattetes Großsegel ganz hervorragend trimmen, bis das Profil so sauber ist wie der Tragflügel eines Flugzeuges. Und im Gegensatz zu einem In-Mast-System befindet sich hier das gesamte Gewicht des In-Baum-Segels und seiner Ausrüstung beim Stauen oder Reffen quasi auf Deckhöhe – ein großes Plus an Stabilität. Falls etwas schief gehen sollte, muss ich nur das Fall lösen und das Segel wie ein konventionelles fallen lassen, aber die Mechanik ist gut gebaut. Sie ist auch einfach. Meine ist alles andere als neu und hat sich in den zehn Jahren, seit ich dieses Schiff segele, tadellos verhalten.

 

Tom Cunliffe über Rollgroßsegel - im Baum - Literaturboot - Blog

Das gereffte Großsegel (das Schiff liegt beigedreht)

 

Die Großbaum-Rollsysteme haben vor allem diese zwei Nachteile:

Zuerst kamen die billigen Systeme, die zu recht einen schlechten Ruf hatten. Diese hatten oft diese schrecklich anzusehende, nachträglich angebaute Mastschiene und einen festen Kicker, der beim Setzen oder Bergen den tatsächlich wichtigen, richtigen Anstellwinkel des Baumes zum Mast garantieren soll. Leider ruiniert solch ein fester Kicker auch den Stand eines Segels, vor allem, wenn es gerefft ist. Als halbwegs mitdenkender Eigner sollte man hingegen in der Lage sein, den Kicker und die Dirk an den richtigen Stellen zu markieren und damit für den richtigen Anstellwinkel zu sorgen. Mein Rat: werfen Sie jeden festen Kicker in den Müllcontainer und bringen Sie ein ordentliches System an.

Das zweite Problem ist dagegen unausweichlich, weil sozusagen Systemimmanent. Ob es allerdings wirklich zu einem ernsten Problem wird, oder nicht, hängt von der Art zu segeln ab und von den Reisen, die Sie planen. Meine Frau und ich sind hauptsächlich auch auf längeren Reisen in Nordeuropa unterwegs und für uns ist es perfekt. Natürlich segeln wir auch mal vor dem Wind, aber wir verbringen nicht Woche um Woche im Passat, Großsegel auf der einen, ausgebaumtes Vorsegel auf der anderen Seite. Vielleicht wäre es sogar möglich, ein hochwertiges Rollgroßsegel auch vorm Wind zu reffen, aber besonders gut für die Mechanik und auch für das Segel kann das nicht sein. Daher bringen wir den Wind immer etwas vorlicher als querab, sowie wir das Großsegel reffen oder bergen wollen.

Da meine Frau und ich das Reffen in Sekundenschnelle ausführen können, ist dies kein Problem.

Auf einer langen Passage im Passat hingegen könnte sich das durchaus als lästig erweisen. Allerdings könnte man das vermutlich von den meisten Reffsystemen einer modernen Hochtakelung sagen. Die einzige wirklich zufriedenstellende Antwort auf dieses Problem, des Bergens oder Reffens vor dem Wind, wäre ein Rahsegel. Es ist eine Offenbarung für jeden, der es noch nicht ausprobiert hat, aber auf einer modernen Yacht wird das ja eher nicht passieren.

Unter dem Strich bleibe ich dabei: Ich liebe mein Rollbaum und habe keinerlei Anlass, dieses System zu ändern. Es funktioniert einfach reibungslos. Und das Großsegel steht genauso gut, wie ein durchgelattetes Segel mit Bindereff. Für meinen Geschmack ist eine gute Rollanlage im Baum jedem In-Mast-System um Längen voraus!

Hier geht es zu Tom’s Buch „Profiwissen für Segler“

Hier geht es zu weiteren Büchern von Tom Cunliffe

Hier geht es zur englischen Webseite von Tom Cunliffe 

 

© Tom Cunliffe 2020

 

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