Liveaboard: Keine Spur von Landlust!

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Verzeihen Sie mir einen sehr kurzen Exkurs in die schillernde Welt der Politik, die einem Liveaboard ja irgendwie besonders exotisch vorkommt. Ein bekannter Politiker hat es einmal so schön erklärt: Politik sei die Kunst der Kompromisse. Und was ist ein Kompromiss? Wenn man scheinbar unvereinbares doch noch, irgendwie, auch mit Verzicht unter einen Hut bekommt. Was hingegen immer nach hinten losgeht, ist eine kompromisslose Einstellung, manifestiert mit diesem berühmten Satz nach einer deutschen Bundestagswahl: „Lieber gar nicht regieren, als falsch regieren.“ Dumm gelaufen, die dazugehörige Partei hat sich, wie sich wenig später zeigte, damit keine Sympathien erworben. Erst recht nicht mit der Kehrtwende, Jahre später, durch einen völlig falsch verstandenen Kompromiss nach einer Landtagswahl in Thüringen: Lieber mit Hilfe von Nazis regieren, als gar nicht regieren.

Naja, soviel dazu. Kompromisse schließen, das ist eben kein einfaches Thema. Das merke ich ja ständig und immer in meinem Alltagsleben. Wein versus Gesundheit. Karriere versus Segelzeit. Kuchen essen versus trotzdem etwas übrigbehalten. OK, ich gebe es zu, das funktioniert bei mir nicht. Irgendwo ist eine rote Linie erreicht. Da ist dann endgültig Schluss mit den faulen Kompromissen: Der Kuchen wird verzehrt, bis auf den letzten Krümel.

Aber was dann? Der Kuchen ist weg und es gibt kompliziertere Fragen. Ich muss dazu sagen, dass ich es genieße – ach was, dass ich nur dann wirklich lebe, wenn ich, eben als liveaboard, an Bord lebe. Und dann am besten auch noch unterwegs, denn nur fest liegend im Hafen macht auf Dauer selbst das An-Bord-Leben wenig Sinn. Also, keine Spur von Landlust, aber ich habe drei ganz wunderbare Anker, die mich im Hafen festhalten, zwischen knapp 10 und 16 Jahren alt. Die haben andere Bedürfnisse als ich, und schließlich gibt es ja auch noch die Schulpflicht. Ein Dilemma, unlösbar?

Liveaboard: Keine Spur von Landlust! - Literaturboot - Blog

Mein Arbeitsplatz an Bord… 

An dieser Stelle ist der Kompromiss gefragt. Und der geht in diesem Fall so: Bis auf weiteres bin ich ein Teilzeit-Liveaboard. Ich lebe wann immer ich es einrichten kann an Bord. Das hat auch Vorteile. Das Beste aus beiden Welten, nämlich. Bevor ich irgendwo zu lange fest liege und mich das gefürchtete „Cabin Fever“ anfällt, steige ich in den nächsten Zug und fahre zu meinen Kindern. Es gibt innerhalb Europas so viele wunderbare Ziele, so viele perfekte, temporäre Heimathäfen, dass ich mich gar nicht entscheiden kann: Kopenhagen, Amsterdam, Arhus; oder auch: Hamburg, London, Edinburgh. Oder die Inseln: Tunø und Samsø etwa, vor meiner Haustür in der Ostsee, oder Lyngør am Skagerrak. Helgoland, Wangerooge oder Texel als nur drei Beispiele von vielen in der Nordsee. Brehat, Ouessant, Yeu in der wunderbaren Bretagne. Im Mai und Juni 2021 findet wieder die „Semaine de la Golfe du Morbihan“ statt, da zum Beispiel möchte ich gerne hin. Im Rahmen eines Urlaubstörns wäre das sicher eine große Herausforderung, aber so: Eh bien, lasse ich das Boot eben dort liegen, reise zwischendurch über Land zurück und genieße die Zeit dort, ebenso wie bald darauf wieder die Bretagne, an Bord.

Meine Alberg 35 ist groß genug, um alleine oder zu zweit auch mal eine längere Zeit, nicht nur Wochen, an Bord zu wohnen. Aber sie ist auch klein und unkompliziert genug, um sie eben mal irgendwo liegen zu lassen und über Land nach Hause fahren. Naja, was andere so „Zuhause“ nennen. Für mich ist das immer noch da, wo der Anker fällt.

Damals habe ich solche Kompromisse übrigens abgelehnt. In meinen jungen und wilden Jahren lebte ich überhaupt ziemlich kompromisslos, nicht nur in dieser Hinsicht: Lieber ein schlechter Tag auf dem Wasser, als ein guter Tag im Büro. Aber bringt einen das weiter? Eher nicht, wie uns das Beispiel aus der Politik zeigt: Lieber gar nicht segeln, als falsch segeln. Was für ein absurder Unsinn! Da kann doch nur der vernünftige Kompromiss lauten: Lieber nur drei, vier oder sechs Monate im Jahr an Bord leben, als gar nicht leben. Oder?

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