Nordwasser

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Ein Walfänger in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Die „Volunteer“ segelt von England aus in die arktischen Gewässer bei Grönland. An Bord eine Bande verrohter, verwahrloster Seeleute – und ein opiumsüchtiger Arzt mit einer dunklen Vergangenheit. Eine dramatische Geschichte entfaltet sich hier, von Abenteuerlust und Habgier und Feigheit und Niedertracht. Erzählt in einer schnellen, fast atemlosen Prosa, in einer abstoßenden, zotigen Sprache werden unappetitliche und ekelhafte Brutalitäten unsentimental beschrieben. Es geht natürlich gleich im ersten Kapitel los, zwischen Huren und Hafenkneipen wird ein Mann ohne jeden nachvollziehbaren Grund erschlagen, sein Schädel mit einem Ziegelstein zertrümmert und ein obdachloser Junge vergewaltigt und ermordet – in einer Nacht, von einem Mann: Henry Drax, Harpunier. Ein Mann wie ein böses Tier, ohne Vergangenheit und ohne Zukunft, der ausschließlich im Hier-und-Jetzt lebt und dabei seinen dumpfen, brutalen Trieben folgt. Um ihn und um den Arzt geht es in diesem Buch eigentlich, um den unausweichlichen Konflikt zwischen beiden. Das Böse und das Gute? Nein, so einfach und Klischeehaft ist es natürlich nicht, denn der Arzt hat, wie gesagt, anders als der Harpunier durchaus seine Geschichte und seine eigene Sicht der Dinge.

So kalt und emotionslos die Sprache erscheint, ist sie vor allem präzise, ohne Kitsch und Schnörkel, jedes Wort trifft wie eine von Drax geschleuderte Harpune. Man wird die Protagonisten so ziemlich alle für ziemlich abscheulich halten, wird aber doch in diese aberwitzige Geschichte hineingezogen und muss einfach wissen, wie es weitergeht. Auch wenn dies eine trostlose Geschichte ist, Gnadenlos, ohne Hoffnung, ohne Besserung – Die Natur mag ja grausam und gleichgültig sein, aber im Vergleich zu den noch sehr viel grausameren und gleichgültigeren Menschen zieht sie immer den Kürzeren. Die Abgründe, die sich hier auftun, rauben einem zuweilen den Atem.

Manche Rezensenten sehen in diesem Buch eine Hommage an Joseph Conrad und die verrückten Gestalten aus dessen Büchern. Wobei Conrad im krassen Gegensatz zum verbalen Gesuhle im dampfenden, stinkenden Brei aus Blut und Kot und Dreck und dem zuweilen doch ermüdenden, dauernden Gerede vom Ficken und von Wichsern geradezu fein und ästhetisch wirkt. Auch könnte Drax in seiner brutalen Wildheit durchaus an Jack Londons Seewolf, Wolf Larsen, erinnern; doch auch hier: Im Gegensatz zum dumpfen Drax verfügt Larsen über einen geradezu bemerkenswerten Intellekt.

Was also macht die dunkle Faszination dieses Buches aus? Der Blick in die tiefsten, abscheulichsten Abgründe menschlichen Wesens, vielleicht. Die Sprache, die Erzählweise in dieser einmaligen Kombination aus Zotigkeit und Präzision, voller Tempo und ohne Umschweife, überflüssiger Erklärungen oder langatmiger Beschreibungen. Das ist eine große Qualität, die zumindest mich beim Lesen gehalten hat, so dass ich dieses Buch in kurzer Zeit verschlungen hatte. Trotzdem ist es kein Text für zarte Seelen, an vielen Stellen könnte man es buchstäblich zum Kotzen finden. Und am Ende? Überlebt das Gute? Selbst das bleibt schließlich ungewiss.


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