Leb wohl, Schlaraffenland. Die Kunst des Weglassens

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Nicht nur Segler, die lieber auf kleinen Booten unterwegs sind, haben das Reduzieren materiellen Besitzes für sich entdeckt. Der bekannte österreichische Schauspieler Roland Düringer hat an Weihnachten 2012 beschlossen, aus der überbordenden modernen Konsumgesellschaft in die „heile Welt“ seiner Kindheit zurückzukehren. Er startete (nicht als Erster und natürlich auch nicht als Einziger) einen Selbstversuch: Wie viele Dinge kann ich in meinem Alltag weglassen, ohne dass mir etwas fehlt? Den offenen Fort- und Ausgang des Experiments dokumentiert er seither in seinem Videotagebuch auf www.gueltigestimme.at

Düringer lebt auf dem Land, baut sein eigenes Obst und Gemüse an, nutzt öffentliche Verkehrsmittel, nachdem er einen Großteil seiner 30 (!) Autos umfassenden Sammlung verkauft hat, und lebt zumindest zeitweise mit seiner Frau in einem Zirkuswagen. Er kauft nicht mehr in Supermärkten und bei Handelsketten, verzichtet auf Fernseher, Mobiltelefon und E-Mail-Adresse. Anfang Juli 2013 unterhielt der Schauspieler sich mit dem freischaffenden Sachbuchautor Clemens G. Arvay über die ersten sechs Monate seines „Ausstiegs aus den Systemen“. Dieses Gespräch wurde für das vorliegende Buch transkribiert.

Düringer ist auf der Suche nach einem „guten Leben“ und definiert das wie folgt: „Wenn man also mit wenig sehr gut auskommt, mit wenig zufrieden sein kann, seine Lebensgeschichte nicht über das Haben sondern über das Sein definiert, und daher auch wenig Ungeliebtes tun muss, um eine schöne Lebensgeschichte zu schreiben, dann ist es ein gutes Leben.“ Dass er als freier (und erfolgreicher) Schauspieler dabei in einer privilegierten Ausgangssituation startet, ist ihm durchaus bewusst. Auch wird in dem Gespräch immer mal wieder klar, dass Düringer weiß, dass seine Veränderungen in eine von ihm als sinnvoll angesehene Richtung nur Schritt für Schritt erfolgen können und nicht zwangsläufig Erfolg bringen müssen. „Ich werde täglich eine Wahl treffen, indem ich gewisse Dinge abwähle, und werde versuchen, Schritt für Schritt Systemen Energie zu entziehen, indem ich sie nicht mehr nachfrage“, sagt Düringer. „Vielleicht entpuppt sich so mancher vermeintliche Verzicht als Gewinn, vielleicht aber stoße ich bald an Grenzen.“

Vorerst nimmt er es als echte Freiheit wahr, kein Shoppingcenter mehr betreten zu müssen, weil er dort ohnehin nichts findet, was er braucht. Er propagiert in dem vorliegenden Pamphlet, selbstbestimmt Dinge zu hinterfragen und sich nicht in Zwänge drängen zu lassen. Selbstständig entscheiden, was gut für einen ist und was nicht. Den Unterschied erkennen, zwischen dem, was ich will und dem, was ich tatsächlich benötige.

Roland Düringers Selbstreflektion flankiert Clemens G. Arvay mit Querverweisen auf Studien und weiterführende Bücher. Das Gespräch hat stellenweise etwas von Selbstbeweihräucherung. Glücklicherweise zeigen Düringer und Arvay („Wir beiden Schlaumeier“) dann aber schnell wieder, dass sie sich selbst nicht zu wichtig nehmen. Düringer will polarisieren und somit jeden Einzelnen zum eigenen Nachdenken anregen. Er möchte die Leser dazu bringen, nie erwachsen zu werden, wenn „erwachsen sein“ doch nur „angepasst sein“ bedeutet.

Das Erscheinen des Buches zum Vorweihnachtsgeschäft und der Vertrieb eben nicht nur über Buchläden vor Ort zeigen eindringlich, dass es zwischen „gut“ und „schlecht“ immer viele Abstufungen gibt. Selbst die Vorbildliteratur, also Henry David Thoreaus „Walden: oder Leben in den Wäldern“ oder „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ wurden ehedem natürlich irgendwie vermarket, da sie nur dann etwas bringen konnten, wenn sie auch wahrgenommen wurden.

Ein durchaus lesenswertes, kurzweiliges Buch, das aufzeigt, dass „ein (aufs Wesentliche) reduziertes Leben qualitativ hochwertiger ist als ein Lebensstil der Verschwendung und des Überflusses.“ Die kostenfreie Alternative dazu ist das Videotagebuch im Internet, das ich persönlich jedoch eher anstrengend finde.

 

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