Wer Meer hat, braucht weniger

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Marc Bielefeld, 1966 in Genf geboren, zog mit fünf Jahren nach Deutschland und wuchs in Hamburg auf. Nach dem Abitur ging er nach Paris, wo er ein halbes Jahr lang in einem Hotel arbeitete. Zurück in Hamburg arbeitete er zunächst als Vertreter und Werbetexter, danach studierte er Literatur und Linguistik. Dazu verbrachte er auch ein Jahr an der Howard University in Washington, D.C., als einziger Weißer an einer schwarzen Hochschule. Marc Bielefeld lebt in Hamburg und auf seinem Segelboot (einer klassischen Holzsloop des Typs „Lion Class“, entworfen von Arthur Robb) und schreibt als freier Autor für viele bekannte Zeitschriften und Sonntagszeitungen. Detlef Jens unterhielt sich in Flensburg an Bord seines Bootes mit ihm.

 

Wie kommt es dass du mit dem eigenen Boot hier in Flensburg angesegelt kommst?

Ich habe dieses Jahr schon seit Mitte Mai auf dem Boot verbracht. Das ist kein Sommerurlaub oder Sabbatjahr, ich arbeite ja dabei.  Ich war viel unterwegs, Rügen, Samsö, um da Geschichten zu machen und ich hatte zwei Lesungen hier in der Nähe zu halten. Und weil hier ja bald das Literaturboot Festival stattfindet, bin ich dann gleich hierher in das wunderschöne Flensburg gesegelt.

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Du lebst an Bord?

Letztes Jahr war ich sechs Monate an Bord, das war ein Experiment das fantastisch aufgegangen ist. Ich habe es finanziell überlebt weil ich ja wie gesagt arbeite unterwegs, im Gegensatz zu den Aussteiger-Seglern oder denen, die vielleicht eine Firma verkauft haben oder so. Das hat mir so gut gefallen, dass ich dieses Jahr gleich weiter gemacht habe und mich immer mehr heimisch fühle auf dem Boot und mit immer größerem Grausen an meine Wohnung in Hamburg denke. Alles was ich habe ist an Bord, es ist wenig, aber es reicht über alle Maßen. Ich sehe nur noch hübsche Dinge – Wasser, Boote, Masten, ich höre die Möwen kreischen, ich muss keinen Parkplatz mehr suchen, keine Treppen mehr steigen, ich muss mich nicht mehr dem Wahnsinn der Stadt ausliefern und ich liebe es einfach, auf dem Boot zu sein.

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Ist das ein Dauerzustand?

Wenn es den Winter hier nicht gäbe, würde ich höchstens fünf Minuten überlegen und dann ganz und gar an Bord ziehen. Ich würde meine Wohnung vielleicht nicht gleich weg geben, aber komplett untervermieten mit einem Fünf-Jahres-Vertrag. Aber es gibt nun einmal den Winter hier, doch dabei spukt – es ist schon mehr als ein Spuk – der Gedanke in mir, dass man ja auch dorthin segeln kann, wo es auch im Winter gut funktioniert. Zum Beispiel Südengand, die Azoren, das Mittelmeer. Das ist es bis jetzt noch nicht getan habe, hängt bei mir mit der Arbeit zusammen. Aber es ist ein Gedanke.

 

Segeln oder schreiben?

Das passt perfekt zueinander, ich würde weder das eine noch das andere an die erste Stelle setzen. Ich liebe es natürlich zu segeln, aber mir macht es auch sehr viel Spaß zu schreiben, eigentlich auch egal wo, aber hier an Bord macht es besonders viel Spaß. Weil das Schiff eine unglaubliche Ruhe mit sich bringt – im Gegensatz zu jedem Büro, welches zumindest ich kennen gelernt habe, und auch im Gegensatz zur Stadt. Das geht wunderbar Hand in Hand, die Segelei und die Schreiberei. Was das Verhältnis angeht, ich habe diesen Sommer ungefähr 1000 Seemeilen gesegelt, haben aber auch bestimmt schon acht Geschichten geschrieben, ich komme damit auf weit über 100.000 Anschläge bisher, das heiß ich habe auch sehr viel Zeit unter Deck verbracht, schreibender Weise vor dem Computer.

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Bist du an Bord produktiver?

Ja. Das war letztes Jahr schon so, mit dem Buch. Ich rechne ja immer in Anschlägen wie die Journalisten es tun, mit dem Buch bin ich auf über 600.000 Zeichen gekommen, wenn man das einem Redakteur bei der Zeitung sagt ist das eine Masse. Und in den drei Monaten mal eben zehn Geschichten gemacht zu haben ist auch schon eine ganze Menge. Und die nächsten stehen Schlange – der Schreiberei schadet es in keinem Fall.

 

Schriftsteller oder Journalist?

Bei einem Schriftsteller denke ich immer an Poeten, an einen Romancier und so würde ich mich nicht sehen – obwohl dies schon mein fünftes Buch ist. Aber ein Buch ist schon etwas ganz anderes als eine Reportage, alleine schon von der Textmenge her. Ich mag beides, aber ein Buch, das ist schon ein Riesen-Angang, man hat da einen gewaltigen Batzen vor sich. Und die ganz alleinige Verantwortung für das, was man da schreibt. Ich mag den Wechsel von beidem, Journalismus und Bücher, und ich habe auch noch Ideen für ein, zwei weitere Bücher. Erst einmal muss ich wieder für den Journalismus reisen, nächste Woche bin ich in der Türkei in einem ganz entlegenen Bergkloster und direkt danach in Nordnorwegen. Und wie herrlich ist es dann, wieder zurück aufs Boot zu kommen um sich diesen Themen widmen zu können!

 

Was ist dir besonders wichtig beim Schreiben?

Das erste ist natürlich, dass der Leser überhaupt anfängt deinen Text zu lesen und dass er dann so gut ist, von der Schreibe her oder vom Thema, dass er die Geschichte dann auch zu Ende liest. Es muss spannend und packend sein, das ist das wichtigste. Beim Buch versucht man eine Stimmung zu erzeugen, da geht es vielleicht weniger um die Information als um das, was zwischen den Zeilen steckt, was gar nicht geschrieben steht. Aber wenn etwas aus den Zeilen empor steigt, wenn man das schafft, dann ist das eine gute Sache.

 

„Wer Meer hat braucht weniger“ – dein Buch könnte auch inspirieren zum Nachmachen?

Wenn es jemanden anstößt oder eine Gedankenwelt eröffnet, dann ist es gut, den Rest muss jeder selbst entscheiden. Denn so zu leben ist ja auch mit einem Risiko verbunden oder zumindest einem Wechsel, den vielleicht nicht jeder mag. Aber wenn jemand durch das Buch zum Nachdenken angeregt wird, dann ist das wunderbar. Und auch, wenn das jemand liest nur um sich in andere Welten hinein zu träumen, dann ist das auch gut. Am Ende muss doch jeder machen was er selber denkt.

 

Die Zukunft vom Buch?

Ich höre von Buchhändlern, dass es sehr schwierig ist. Ich glaube aber, dass es immer schöne, auf Papier gedruckte Bücher geben wird. Definitiv. Es wäre schrecklich wenn es nicht so ist. Es ist das Schönste was es gibt, ein gedrucktes Buch mit einem schönen Hardcover oder auch einem guten Taschenbuchumschlag in der Hand zu haben und es nicht auf den Rechner zu packen, da bin ich ganz klar voreingenommen. Ich mag gedruckte Bücher! E-books haben auch Vorteile, aber bitte lasst die gedruckten Bücher nicht aussterben! Wer auf Reisen gehen und 20 Bücher mitnehmen muss, der schleppt die vielleicht nicht in Papierform mit. Aber ich habe hier an Bord momentan bestimmt 40 Bücher und habe mir gerade gestern noch eins besorgt und werde mir nachher noch eins kaufen – die Bordbibliothek wächst und wächst und ich würde nie auf den Gedanken kommen mir einen Kindle anzuschaffen. Hier auf dem Wasser und in der Feuchtigkeit geht der Kindle kaputt und die Bücher nicht, die halten ewig und riechen dann sogar noch nach Salzwasser!

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Gibt es drei Bücher, die dich inspiriert haben? Spontan?

Unbedingt. Ein ganz tolles Buch heißt „Kap Zorn“ und ist von Björn Larsson, ein fantastisches Buch, das über Erlebnisse und das Leben an Bord philosophiert, das hat auch mich inspiriert (Dieses Buch ist derzeit leider nur antiquarisch erhältlich – Red.). Dann noch „Regenzauber“ von Michael Obert. Er ist ein preisgekrönter Reporter, der hat den gesamten Fluss Niger abgereist, durch heftige Krisengebiete,  mitten durch das tiefste Herzen des schwarzen Afrikas. Es ist ein fantastisches Buch über Afrika, immer entlang des Flusses, hat also durchaus auch mit Wasser zu tun. Das dritte Buch ist von Henri de Monfreid und heißt „Die Geheimnisse des Roten Meeres“. Das ist ein Paukenschlag, ich habe gerade mal die ersten zehn Seiten gelesen aber die sind schon wertvoll wie Nuggets. Ich lese mal den Klappentext vor: „Was soll ich mich zu einem Leben zwingen, das mir zum Zuchthaus wird. Warum nicht der Verlockung des blauen Horizonts erliegen, dahin fahren, wohin der Monsun mich treibt, den kleinen weißen Segeln folgen die ich Tag für Tag im geheimnisvollen Roten Meer verschwinden sehe!“ Henri de Monfreid, der legendäre Abenteurer, Schmuggler, Perlentaucher und groß Schriftsteller – das Schöne daran ist, er hat es gemacht! Früher, zu ganz wilden Zeiten, als es noch französische Kolonie war, er ist da in die Schmuggelgebiete gefahren und schreibt das in einer Prosa auf, die einfach nur genial ist. Der hat das wirklich gemacht, dieser Mann. Der hat sich eine Dhau gekauft und ist da, was weiß ich, Dschibuti, Oman, herum gesegelt wo damals wirklich die Köpfe rollten. Das Buch ist 1931 das erste Mal erschienen. Danach ist er in die Wüste gezogen und hat Romane geschrieben.

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Gibt es auch zeitgenössische Segelbücher, die dich packen?

So viele habe ich nicht gelesen, die von Herrn Erdmann schon, die ich auch hochgradig packend finde, aber diese ganzen Weltumsegler… Bei den Zeitgenössischen gibt es einfach diesen Überfluss. Das haben Leute wie Moitessier und auch Erdmann natürlich vorgemacht und das auch noch auf eine teils sehr radikale Weise. Vor kurzem gerade habe ich noch einmal „Der verschenke Sieg“ von Moitessier gelesen, da steckt eben sehr viel drin. Das ist schwierig zu wiederholen. Dagegen fällt mir jetzt kein „modernes“ Segelbuch ein, welches über das Segeln hinaus noch eine gewisse Ebene aufzeigt. Das habe ich bisher nicht gefunden.

Hier geht es zur Literaturboot-Rezension von „Wer Meer hat, braucht weniger“

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