Wer Meer hat, braucht weniger

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Segeln macht philosophisch, denn es reduziert den Menschen auf das Wesentliche. Das Genießen von Natur, Stille und Einsamkeit. Vor allem, wenn es auf kleinen, einfachen Booten geschieht. Das Ertragen von Flaute und Sturm, auch wenn es nur am Wochenende oder im Urlaub ist. Das Leben an Bord ohne Kühlschrank und TV. Hier sind die noch echten, klassischen Segelboote gemeint, die tatsächlich zum Segeln gebaut wurden. Nicht die voluminösen Luxusyachten, die so tun müssen als seien sie eine schwimmende Ferienwohnung oder ein Appartement und die dadurch etwas ganz wichtiges verlieren. Ihre Seele als Segelboot nämlich, nichts weniger. Und die guten Segeleigenschaften eines echten Segelbootes.

Die heilsame Reduktion auf das Wesentliche, das ist das eigentliche Thema dieses Buches. Es ist auch ein Segelbuch, aber dann eben auch wieder nicht, vor allem bemüht sich der Autor darum, auch bei der Beschreibung vom Segelgeschehen auch von nicht-Seglern verstanden zu werden. Und nicht nur dann. Man lernt auch, sollte man nicht das große Glück haben dies aus eigener Erfahrung zu kennen, was es bedeutet, sich um ein altes Holzboot kümmern zu müssen, oder zu dürfen, je nach Sichtweise.

So haben wir hier ein wirklich sympathisches, weil romantisches und obendrein schön geschriebenes Buch vorliegen – um ein vom Autor selbst häufig zitiertes Bild zu bemühen: gut aneinander gereiht, das sind die Buchstaben und Silben und Wörter in diesem Buch durchaus. An einigen Stellen schimmert die prägnante Sprache des guten alten Hemingway doch recht deutlich hervor, aber das ist natürlich alles andere als ein Makel.

Wenn es etwas zu bekritteln gibt, dann dies: In einigen Betrachtungen wiederholt der Autor sich schon. Worüber er jedoch den dunklen Mantel des Schweigens breitet ist die brennende, spannende Frage nach den Gefährten an Bord, nach einer Partnerin oder, wenigstens, ab und zu mal einer Geliebten. Dabei ist dies eins der wichtigsten Themen für Liveaboards und auch für alle, die es vielleicht mal werden möchten. Macht die Partnerin, macht der Partner mit? Oder bleibt es eine Lebensart für überzeugte, bindungslose Junggesellinnen und Junggesellen? Oder ist diese schöne und von ihm dann doch auch ziemlich idealisierte Art zu leben (auch wenn er es ja nur Zeitweise macht, im Urlaub quasi) am Ende nur etwas für einsame Eigenbrötler? Wir erfahren mehr über die Beschaffenheit des Ostseebodens unter dem Kiel seines Bootes als über diese wichtige Frage.

Davon abgesehen ist es ein schönes und lesenswertes Buch, für jeden ein Gewinn der sich so seine Gedanken um den modernen, schnellen und immer schnelleren Lebensstil macht. Das zeitweilige, vor allem aber permanente Leben an Bord eines einfachen Bootes ist eine sehr wirkungsvolle Form der Entschleunigung, ein sehr alternativer Lebensentwurf gegenüber dem bürgerlichen Wohlstandsdasein. Wie bei jedem authentischen Buch zu diesem Thema muss am Ende auch hier eine Warnung ausgesprochen werden: Es besteht höchste Ansteckungsgefahr.

Hier geht es zum Interview mit Marc Bielefeld

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Nioclás Seeliger, Fotograf und Journalist aus Berlin, wurde 2010 infiziert. Der Polarvirus erwischte ihn bei einem Törn auf der deutschen Brigg „Roald Amundsen“ – auf der winterlich eisbedeckten Ostsee. Trotz vor Kälte steifer Finger wurde dort der Grundstein fürs Verlangen

4 comments for “Wer Meer hat, braucht weniger

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