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Boris Herrmann: Allein zwischen Himmel und Meer

Wer gerne wissen möchte, wie genau der Arbeitsalltag einer der seltensten Spezies von Homo Sapiens aussieht, nämlich dem eines Profiseglers in der Vendée Globe Weltregatta, dem sei dieses Buch sehr empfohlen. 27 Männer und sechs Frauen gingen im November 2020 an den Start vor Les Sables d’Olonne an der französischen Atlantikküste, mitten in der Corona-Pandemie, um ihre irrsinnige Wettfahrt alleine und nonstop um den Globus zu segeln.

Als Heldinnen und Helden werden sie der französischen Öffentlichkeit begeistert gefeiert. In diesem Fall haben Staat und Veranstalter alles dafür getan, die Regatta trotz Corona stattfinden zu lassen. Zu viel stand wohl auf dem Spiel, die jahrelangen Vorbereitungen jeder Kampagne, die millionenschweren Sponsorendeals und eben das gewaltige öffentliche Interesse. Isolierter kann man als Mensch, Sportler, Segler ja auch nicht sein, als drei Monate alleine auf einem Boot in den teils entlegensten Gebieten der Weltmeere, ausfallen musste nur die üblicherweise frenetische Verabschiedung der SeglerInnen  vor dem Start, zu dem in normalen Zeiten alle vier Jahre zig-tausende Fans aus allen Teilen nicht nur Frankreichs, sondern mittlerweile auch Europas anreisen.

Sachlich und informativ ist dieses Buch, die lesenden erfahren sehr viel. Fast könnte man sagen, sie seien bei Boris mit an Bord. Co-Autor Andreas Wolfers hat aus dem von Boris laufend übermittelten Rohmaterial ein sehr lesbares Buch gemacht und noch einiges an eigener Recherche hinzugefügt. Obwohl die Gefühlswelt des Soloseglers zuweilen ein wenig dosiert wirkt, aber Boris ist eben auch ein eher nüchterner, eher Ratio-gesteuerter Norddeutscher und kein heißblütiger Südländer. Was nicht heißen soll, dass die LeserInnen nicht auch an seinen emotionalen Hochs und Tiefs teilhaben, deren Amplituden auf See ja immer, nicht nur bei Vendée Globe Pilotinnen aber hier noch einmal extrem, besonders heftig ausfallen. Nicht nur deswegen wird das Buch niemals langweilig – wie könnte es auch, bei dem Thema. Zumal wir auch viele Einblicke hinter die Kulissen einer solchen Kampagne bekommen und auch, natürlich, in das zweite große Thema von Boris und seinem Team: Der Schutz unserer Ozeane und deren Beitrag dazu.

Ab und zu kommen Parallelen oder Gedanken zu früheren Nonstop-Weltumseglern auf, vor allem zu dem vielleicht größten von allen, Bernard Moitessier. Der segelnde Pionier und zivilisationskritische Philosoph hat eine ganze Generation nicht nur von Seglerinnen begeistert, seine Bücher – allen voran „La longue Route“ (Zu deutsch: „Der verschenkte Sieg“) – wurden zu Weltbestsellern und gehören zu den wenigen echten Klassikern der Segelliteratur.

Der Kontrast könnte kaum größer sein. Bernard segelte anderthalb Mal um die Welt und benötigte dazu 300 Tage, er hatte weder Satellitentelefon noch WhatsApp Chatgruppen oder E-mail Kontakt und Videokonferenzen, sondern war tatsächlich vollkommen isoliert. Dafür hatte er es vergleichsweise komfortabel, in einem „echten“ Segelboot, das mit (mehr oder weniger) sanften Bewegungen mit fünf oder sechs Knoten segelte, statt im Tiefflug mit 20 oder 25 Knoten wild buckelnd von Welle zu Welle zu krachen. Sicher hatte Bernard auch sehr viel mehr Schlaf am Stück als Boris, in einer anständigen Koje, mit einem gut gefüllten Bücherregal, mit richtig zubereitetem Mahlzeiten und vermutlich anständigem Wein (Moitessier war Franzose!). Man kann sich fragen, welche Art zu segeln „sinnvoller“, ob es wirklich nötig ist, dass heutige Segelmaschinen mit derart extremer Geschwindigkeit um die Welt rasen – aber man muss es nicht, man kann sich auch einfach der enormen Faszination des Ganzen hingeben.

Auch Boris, schreibt er, sei als Heranwachsender vor allem von Moitessier inspiriert worden. Jede Epoche hat ihre Themen und Bücher und andere Quellen, doch die tiefe emotionale Verbindung zu den Ozeanen dieser Welt, dem Beginn allen Lebens, bleibt ewig und zeitlos. Ich könnte mir denken und würde hoffen, dass nun auch dieses Buch und das Handeln und der bisherige Lebensweg von Boris Herrmann einige Jugendliche inspirieren würde. Aber nicht nur denen sei dieses Buch wirklich ganz herzlich empfohlen!

 

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