Langsam segeln

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Wer langsam segelt, hat länger etwas davon – so oder ähnlich behauptet es ein niederländisches Sprichwort. Als ich noch an Bord lebte und unterwegs war, hatte ich ein langsames Boot. Zumindest im Vergleich zu manchen modernen Leichtgewichten, die an sonnigen Sonntagnachmittagen in Küstengewässern vorbeisausen und ab Windstärke vier reffen. Ich bin versucht, den obigen Ausspruch zu ergänzen: „Ein schweres Boot steigert die Freude am Segeln.“ Das ist natürlich nur dann der Fall, wenn man vom Fahrtensegeln spricht. Wenn man an Bord lebt oder lange Offshore-Passagen macht. Um an sonnigen Nachmittagen ein paar Stunden über das Wasser zu rauschen, hätte ich auch am liebsten ein übertakeltes Leichtgewicht von Boot, denn das macht dann natürlich viel mehr Spaß.

Aber wenn man an Bord lebt?

Ich muss dazu sagen, dass ich nun wieder auf Bootssuche bin. Zugegeben zur schlechtesten Zeit, die man sich denken kann. Einige für mich interessante Boot liegen in Portugal, andere in Frankreich, viele in den Niederlanden, quasi vor der Haustür und dennoch unerreichbar. Aber die Reisebeschränkungen gehen hoffentlich irgendwann vorüber und bis dahin mache ich mir Gedanken darüber, was ich zum zukünftigen Leben an Bord für ein Schiff brauche.

Muss es also unbedingt langsam sein?

Nun ja. Gewicht tötet Geschwindigkeit. Damit aber steht Geschwindigkeit im Widerspruch zu den grundlegenderen Anforderungen – dem Komfort des Lebens an Bord und, eng damit verbunden, der möglichen Zuladung. Gewicht, viel zusätzliches Gewicht, wird für lange Reisen ebenso benötigt, wie für ein dauerhaftes Leben an Bord. Überladung wird damit bei vielen Booten zu einem potenziellen Problem. In allen, außer in schweren und – nach modernen Standards – bereits langsamen Booten.

Man kann Tonne um Tonne an Ersatzteilen und Ausrüstung, Essen, Wein und Bücher auf einen alten Colin Archer stapeln, und es wird ihr überhaupt nichts ausmachen. Für ein Schiff, das bereits etwa 35 Tonnen wiegt und dafür konstruiert und gebaut wurde, zählen die zusätzlichen Tonnen an Ausrüstung nicht weiter. Aber versuchen Sie das gleiche mit einem leichten Flossenkieler, und die Wasserlinie wird verschwinden, nachdem nur die ersten fünf (von fünfundzwanzig) Kisten mit Leckereien an Bord gebracht wurden.

Langsam segeln - Literaturboot - Blog

Das Problem ist, dass in diesem Fall die Segeleigenschaften ernsthaft beeinträchtigt werden. Wenn ein Boot konstruiert und gebaut wurde, um so wenig wie ein Luftpostbrief zu wiegen, wird schnell überladen und damit träge. Die physikalischen Kräfte, die dann auf Rumpf und Ausrüstung wirken, werden dann vermutlich viel größer sein als eigentlich vorgesehen. Am Ende wird das Boot also nicht nur enttäuschend zu segeln sein, sondern könnte aufgrund des übermäßigen Gewichts an Bord anfällig für überlastete Beschläge, Rigg oder sogar strukturelle Probleme werden.

Insbesondere sollten die Enden des Bootes leicht gehalten werden. Aber die Realität der Fahrtenyachten? Am Bug: Anker ragen heraus, und wahrscheinlich lauern direkt unter dem Deck viele schwere Meter an Kette. Und achtern? Noch schlimmer: Beiboote in Davits, Außenbordmotoren, die an Heckkörben festgeschraubt sind, wahrscheinlich Rettungsinseln irgendwo auf dem Achterdeck, die für den Notfall einsatzbereit sind, Heckanker, Edelstahlrahmen von riesigen Ausmaßen und massiver Konstruktion, die all die ausgefallenen Antennen tragen, die die meisten Schiffe anscheinend brauchen, dazu noch ein Windgenerator oder ein paar Solarpaneele. Gewicht, viel davon, an der schlimmsten Stelle: Am äußersten Ende des Bootes und, von um es noch weiter zu treiben, auch noch hoch oben über dem gewünschten, niedrigen Schwerpunkt. Apropos, auch die von immer mehr SeglerInnen geschätzten „Rollmasten“ sind deutlich schwerer als herkömmliche Masten mit Schienen für die Rutscher des Segels und tragen auch nicht gerade zu einem niedrigen Gewichtsschwerpunkt bei.

Was will ich damit sagen? Verschiedenes. Erstens: Halte dein Boot einfach und rüste es nicht auf, bis es wie eine Raumfähre aussieht. Das spart Geld, Ärger und, das Thema heute, Gewicht. Zweitens: Es schadet überhaupt nicht, ein an sich schweres Boot zu haben, wenn man wirklich für längere Zeit bequem an Bord leben möchte. Ein schweres Boot verträgt mehr Zuladung. Dabei kommt es nicht allein auf die Größe an. Bei der Zuladung geht es um die Verdrängung. Ein kleines Boot, das von vornherein mit einer ziemlich hohen Verdrängung konstruiert ist, wird mehr zusätzliches Gewicht sicher vertragen als ein größeres Schiff, das nur die Hälfte verdrängt. Als ganz grobe Faustregel gilt, dass 25 Prozent der ursprünglichen Verdrängung als sichere Zuladung angesehen werden kann. Wer also wie ich in der glücklichen Lage ist, sich ein Boot für längere Fahrten auszuwählen, sollte sich möglichst genau überlegen, was alles mit an Bord soll. Und wie viel Gewicht das in etwa ausmacht und wie viel das Traumboot verdrängt. Wenn das etwa viermal mehr ist als das, was man auf das Boot laden will, ist alles in Ordnung. Wenn nicht, sollte man noch einmal darüber nachdenken.

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