Tom Cunliffe: Kompass kontrollieren und Deviationstabelle erstellen

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Dies ist eine sehr einfache Art den Steuerkompass der eigenen Yacht zu überprüfen und eine Deviationstabelle, sofern nötig, selbst zu erstellen. 

Der Kompass ist das wichtigste Instrument auf jedem Schiff, das außer Landsicht fährt; oder auch bei reduzierter Sicht weiter unter Land. Man kann durchaus ohne Logg auskommen, weil jede halbwegs intelligente Person ziemlich gut die Geschwindigkeit einer Yacht durchs Wasser abschätzen kann. Und ein Echolot kann man erst recht nicht als unbedingte Notwendigkeit bezeichnen. Selbst, wenn man kein Handlot an Bord hat: Ein schweres Objekt wie etwa eine Winschkurbel, sofern sie nicht gerade aus Aluminium oder Plastik hergestellt wurde, zeigt am Ende einer langen Leine die Wassertiefe sehr genau an. Was den Kartenplotter betrifft, kann man ja nie so genau wissen, wann er mal ausfällt. Diesen als Notwendigkeit zu klassifizieren wäre daher erst recht ein Irrglaube. Der Kompass hingegen ist axiomatisch, seit er erfunden wurde. Davor war die Kunst, ein Schiff über eine leere See zu steuern eine ganz spezielle Fertigkeit, die nur wenige Männer jemals auch nur annähernd beherrschten. Doch in den letzten neunhundert Jahren etwa konnte das jedermann.

Das Problem ist nur, dass wir den Kompass einfach als selbstverständlich gegeben hinnehmen, weil er so unverzichtbar und akkurat ist und meist genauer anzeigt, als selbst die beste Steuerperson fahren könnte. Dabei unterliegt der Kompass zwei Fehlern. Sofern diese beide bekannt sind und ins Kalkül gezogen werden, bleibt der Kompass ein höchst zuverlässiges Werkzeug. Falls nicht, könnte das zum Chaos führen.

Der erste Fehler, die Missweisung, ist schnell verstanden. In der Schule haben wir hoffentlich alle gelernt, dass der magnetische Nordpol, auf den die Kompassnadel zeigt, irgendwo in der Kanadischen Arktis herumwandert. Je nachdem, wo man sich auf dem Globus gerade befindet, wird der Kompass jeweils eine andere Richtung als „Nord“ anzeigen.

In der ersten Stunde jeden Navigationslehrgangs lernen wir, dass diese Diskrepanz auf den Seekarten vermerkt ist. Und sie zu berücksichtigen ist auch einfach. Falls der Kompass westlich von Nord anzeigt, muss die Zahl für die Missweisung abgezogen werden, um einen „wahren Kurs“ zu erhalten. Gibt der Navigator dem Steuermann einen Kurs, der bereits als „wahrer Kurs“ gilt, addiert er eine westliche Missweisung. Es gibt etliche Eselsbrücken für diese simple Berichtigung, aber hier wollen wir über den zweiten Kompassfehler sprechen.

Die Deviation wird nicht durch geografische Phänomene verursacht, sondern durch das Boot selbst. Jeder Klotz magnetischen Metalls, zum Beispiel der Motor, der Kiel, eine Gasflasche oder sogar ein unachtsam abgelegter Schraubenzieher kann den Kompass ablenken. Tatsächlich wurde ich einst, als Steuermann auf einem Küstenfrachter, vom ersten Offizier zur Schnecke gemacht, weil ich vom Kurs abgekommen sei. Der Erste lehnte dabei an der Kompasssäule und dann stellte sich heraus, dass er einen schönen neuen Marlspieker in der Tasche hatte, der den Kompass arg verwirrte. Nun könnte man natürlich den Ersten Offizier über Bord werfen und den Schraubenzieher ordentlich verstauen, aber in Bezug auf die Maschine oder, vermutlich, die Gasflasche kann man schon weniger machen.

Nehmen wir mal an, wir segeln genau West. Und das bringt die Kompassnadel in eine Position, in der die Maschine direkt auf einer Seite davon liegt. Dann wird die Nadel vermutlich in Richtung der Maschine abgelenkt werden. Glücklicherweise bleibt diese Ablenkung für jeweils jeden Kurs gleich, solange man weder den Kompass, noch die größeren metallischen Gegenstände in der Nähe davon versetzt.

In den meisten Serienyachten aus Kunststoff wird man nur sehr wenig Deviation haben, und falls doch, kann diese zumindest zum größten Teil durch einen professionellen Kompassjustierer mittels kleiner Magnete kompensiert werden. Aber es gibt auch Boote, auf denen die Deviation gemessen und in einer Deviationstabelle festgehalten werden muss, damit man sie in der Kursberechnung mit einbeziehen kann. Und weil sich die Deviation mit dem Kurs ändert, muss das Boot einmal durch 360 Grad gedreht werden, während die Abweichungen aufgeschrieben werden.

Und so kann man es ganz einfach selbst machen.

 

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Ein auffälliges Objekt zum Peilen…

Finde zuerst ein ruhiges Stück Wasser mit einem gut sichtbaren Peilobjekt in etwa zwei bis drei Seemeilen Entfernung. Peile dieses Objekt mit dem Handpeilkompass an, möglichst von einem Ort an Bord aus der vermutlich nicht durch größere metallische Gegenstände in unmittelbarer Nähe beeinflusst wird. Notiere die Peilung und lasse deinen Kollegen an Bord das Schiff langsam und in einem ziemlich engen Kreis drehen. Beobachte dabei das angepeilte Objekt durch den Handpeilkompass. Wenn die Peilung konstant bleibt ist das der Beweis, dass der Handpeilkompass an dieser Stelle an Bord keine Deviation hat. Verändert sich die Peilung, musst du dir eine bessere Stelle an Bord suchen.

 

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Peilen mit dem Handpeilkompass

Wenn du erst einmal festgestellt hast, dass der Handpeilkompass an einer bestimmten Stelle an Bord keine Deviation hat, kann der Steuerkompass überprüft werden. Das passiert, indem die Yacht durch 360 Grad gedreht wird und der Kurs in regelmäßigen Abständen, etwa acht oder 16 mal, notiert wird. Jetzt kann man das Peilobjekt an Land vergessen, richte nur den Handpeilkompass nach genau voraus aus und notiere die Differenz zwischen diesem und dem Steuerkompass: Das ist dann die Deviation des Steuerkompasses. Wenn der Steuerkompass einen größeren Kurs anzeigt, ist es eine westliche Deviation; zeigt er einen kleineren Kurs an, ist es entsprechend eine östliche.

Diese Werte werden in einer Tabelle aufgeschrieben, um in Zukunft in die Kursberechnung mit einzufließen: Die Deviationstabelle.

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Eine typische Deviationstabelle

Dieser ganze Prozess ist sehr einfach und dauert kaum mehr als eine halbe Stunde und daher kann man ihn gerne auch mal dann durchführen, wenn man glaubt, eine „deviationsfreie“ Yacht zu haben. Die Lage an Bord kann sich immer mal ändern und mal weiß nie, was mit den Dingen passiert, die man nicht sehen kann…

geht es zu Tom’s Buch „Profiwissen für Segler“

Hier geht es zu weiteren Büchern von Tom Cunliffe

Hier geht es zur englischen Webseite von Tom Cunliffe 

© Tom Cunliffe 2020

 

 

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