Anlegen: Wie man es macht…

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Einmal sind wir in einen schönen dänischen Hafen hinein gesegelt, ich habe vergessen, welcher es war. Wie auch immer, damals mochten wir keine Motoren, konnten uns auch keinen leisten und segelten unser Folkeboot deshalb eben ohne mechanischen Hilfsantrieb. Wir liefen also langsam in den Hafen ein, nur unter Großsegel, und schauten uns in aller Ruhe um wo wir denn anlegen könnten. Irgendwann bemerkten wir einen älteren Herrn auf einem Fahrrad, der uns anscheinend folgte und dabei laut pfiff. Während er wild gestikulierte, nahm sein Teint zunehmend die gesunde Farbe eines frisch gekochten Hummers an. Wie merkwürdig, dachten wir und schauten uns weiter nach einem geeigneten Liegeplatz um, einen, den wir leicht und sicher anlaufen konnten. Nach einer weiteren kleinen Weile des Auf- und Absegelns im Hafen fanden wir einen schönen Platz, segelten dorthin, drehten das Boot in den Wind, banden es fest und nahmen das Segel herunter. Dann kam er auf seinem Fahrrad den Ponton heruntergerast, bremste abrupt längsseits und feuerte eine Breitseite ab. Wer wir wären, schäumte er, die ihn, den Hafenmeister, einfach ignorierten und dort anlegen würden, wo es uns gefiel? Wir versuchten höflich zu erklären, dass wir am Ende ziemlich dumm ausgesehen hätten, wenn wir vor dem Wind in eine Sackgasse zwischen zwei langen Pontons zu dem Liegeplatz gesegelt wären, den er für uns ausgewählt hatte, und er konnte nicht verstehen, warum wir nicht einfach wie alle anderen unseren Motor angeschaltet hatten. Er war ziemlich verärgert, und am Ende mussten wir das Boot mit Paddeln und Leinen verholen.

Anlegen: Wie man es macht… - Literaturboot - Blog

Seitdem habe ich fast schon eine Paranoia, in unbekannte Häfen einzulaufen: Fast immer ist sie da. Die hilfsbereite Gestalt an Land, die uns mit einer wilden Geste zu einem Liegeplatz ihrer Wahl führen will. Ihre Wahl, nicht meine. Vielleicht gefällt mir das Aussehen dieses Liegeplatzes nicht, vielleicht erscheint er mir zu klein, vielleicht passt mir die Farbe des Bootes nebenan nicht, was auch immer. Vielleicht möchte ich auch einfach nur an der Luvseite des Hafens anlegen und nicht in Lee, wo mein Schiff mit quietschenden Fendern auf den Steg gedrückt würde. Aber seit meiner dänischen Erfahrung bin ich mir unsicher, wie ich reagieren soll. Die Person an Land: Ist es der Hafenmeister? Weiß sie etwas Wichtiges, was ich nicht weiß? Über Wassertiefen, unter der Oberfläche versteckte Hindernisse, oder über Kreuzfahrtschiffe, die eine Stunde später einlaufen werden? Ist sie wirklich hilfsbereit oder nur ein Ärgernis?

Es kommt meist, wie so oft. Egal, welche Entscheidung man trifft, es ist die falsche. Ich ignoriere die Person, fahre zu dem einladend freien Platz dort drüben hinüber, der so verdächtig leer ist und nach einer Weile kommt sie angeschlendert und fragt beiläufig, warum ich denn ausgerechnet auf dem Abwasserausfluss der Stadt festgemacht habe. Beim nächsten Mal befolge ich also den wertvollen Ratschlag und – wums! laufe drei Meter vor dem Steg hart und brutal auf. Der Helfer an Land zuckt mit den Schultern, geht zur Bar und murmelt etwas über Boote mit zu viel Tiefgang.

Ein ähnliches Phänomen tritt fast immer dann auf, wenn beim Anlegen willkommene Hilfe zur Hand ist. Geben Sie mir die Leine, ruft sie, und zieht daran, als solle ein Schleppnetz mit Fischen eingeholt werden. Ich zucke zusammen, rufe: nicht ziehen!  Aber es ist natürlich zu spät, mein Bug knallt auf den Ponton, dass es jeden Versicherungsmakler vor Schmerz zusammenzucken ließe. Erschwerend kommt hinzu, dass andere Segler in Ihrer Nähe mich jetzt mit dem bekannten „Was für ein Dummkopf“-Blick in den Augen anstarren, obwohl ich natürlich weiß, dass ich das Boot so sanft längsseits gebrächt hätte, dass ein rohei Ei als Fenderersatz nicht beschädigt worden wäre.

Natürlich nehme ich selbst gerne die Leinen anderer Boote an, die gerade in der Nähe anlegen. Dabei frage ich aber auch immer die Besatzung, was ich damit machen soll. Meist ernte ich zum Dank diesen irritierenden Blick, der impliziert: Was zum Teufel weiß dieser Idiot denn bloß vom Segeln?

Wie man es macht, man kann nicht gewinnen – oder?

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