Partys, Promis und Piraten

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Marstrand ist eine kleine Insel mit einer großen Vergangenheit und einer sehr lebhaften Gegenwart. Nur über ihre Zukunft scheiden sich die Geister – doch wer kann schon in die Zukunft schauen? Ein Inselporträt.

Wie viele Inseln, Eilande und Schären vor den Schwedischen Küsten herumliegen, hat so ganz genau noch niemand gezählt. Marstrand, gelegen an der Westküste nicht weit von der Trend-Metropole Göteborg entfernt, ist eine, aber beleibe nicht irgendeine, davon. Sommer für Sommer versammelt sich für zwei, drei Monate die große Welt auf dem kleinen Felsen, wenn die Segler und Sommerhausbesitzer da sind und wenn womöglich noch eine internationale Regatta stattfindet, welche die Schaulustigen zu hunderten anzieht. Immerhin hat hier schon, lange ist es allerdings her, Schwedens Seglerlegende Pelle Petterson mit seinen 12-mR Yachten für den America’s Cup trainiert, um das Land der Elche in den Kampf um die berühmte „bodenlose Kanne“ zu führen.

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Das war in den 1970er und 80er Jahren, seither hat sich Marstrands Status als Seglerzentrum nur gefestigt. Berühmte Yachten gab und gibt es hier etliche, und die bringen oft auch berühmte Leute mit sich. Oder umgekehrt, denn allen voran war es König Oscar II von Schweden, der zuerst im Jahre 1887 mit seiner Yacht Drott anreiste und fortan, bis kurz vor seinem Tod 20 Jahre später, mindestens einen Monat pro Sommer hier verbrachte. Wenn sein Schiff zwischen den Inseln Marstrandsön und Koön vor Anker ging, war die festliche Saison eröffnet. Denn solange sich der König hier aufhielt, stand Marstrand im Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Bälle, Konzerte, Empfänge und kulturelle Veranstaltungen jagten einander und wer überall dabei sein wollte, musste einen dicht gedrängten Terminkalender managen.

Marstrand hat eine lange Geschichte

Doch die Geschichte von Marstrand reicht viel weiter zurück und nicht immer war die Gesellschaft hier so fein wie zu Oscars Ferienzeiten. Mit dem Bau der markanten Festung zum Beispiel wurde schon 1658 begonnen. Der damalige König Carl Gustav erkannte die strategisch wichtige Lage des im Winter eisfreien Hafens an der geografischen Grenze von Kattegat und Skagerrak. Als Marstrand durch den Frieden von Roskilde schwedisch wurde, ließ er gleich mit dem Bau der Festung beginnen, die heute als Carlstens Fästning über all dem unbeschwerten sommerlichen Treiben auf Marstrandsön thront. Als militärische Einrichtung freilich war das trutzige Bauwerk nicht sehr erfolgreich. Zweimal wurde es angegriffen, und beide Male vom Feind relativ mühelos eingenommen. 1677 eroberte der dänische Statthalter von Norwegen die Festung und 1719 schaffte es der norwegische Admiral Tordenskjold gleich noch einmal.

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Bessere Qualitäten beweist der finstere Bau als Seezeichen für die Ansteuerung nach Marstrand, denn der unverwechselbare Turm ist schon –zig Seemeilen draußen vom Skagerrak, oder Kattegat, aus sichtbar. Und auch als Gefängnis eignete sich die Festung. Ihr berühmtester Insasse war ein gewisser Lasse Maja, ein erfolgreicher Dieb, der heute bisweilen als eine Art schwedischer Robin Hood verklärt wird. Lange Zeit entging er seinen Verfolgern, weil er sich vorzugsweise als Frau verkleidete. 1813 jedoch wurde dieser seltsam veranlagte Dieb trotz seiner Neigungen gefasst und verurteilt. Seiner gewählten Rolle als Frau blieb er dennoch treu und entzog sich der mörderischen Zwangsarbeit dadurch, dass er sich als „Köchin“ verdingte. Nach 26 Jahren schließlich wurde die Dame – pardon: der Herr – schließlich von König Karl Johann begnadigt. Transgendering ist offenbar nicht so neu, wie manch ein Mensch denkt!

Freies Marstrand

Von 1775 bis 1794 galt Marstrandsön als „Freie Zone“; die Ladung der zahlreichen hier anlegenden Schiffe wurde zollfrei in den Schuppen der Insel gelagert und die Schmuggelei über die schmalen Gewässer zu den Nachbarinseln erlebte einen enormen Boom. Gleichzeitig gab es Religionsfreiheit, so dass sich auch Juden hier niederließen und die erste Synagoge in Skandinavien bauten. „Und sie ist immer noch da“, beteuert die in Marstrand lebende Krimiautorin Ann Rosman, die sich intensiv mit der Geschichte der Insel beschäftigt: „Sie befindet sich in einem Privathaus. Und wenn man ganz nett fragt, darf man hinein und sie sich ansehen. Ich habe es getan!“ Lasse Maja dagegen hätte sich eher für den damaligen Paragraf Neun der Inselstatuten interessiert. Denn der sicherte allen Dieben Straffreiheit zu, solange sie sich auf dem Eiland aufhielten, die Straftat anderswo begangen und kein Verbrechen gegen „Leben und Ehre“ begangen hatten. „Man wurde als Dieb hier quasi willkommen geheißen. Man wurde in ein Buch eingetragen und solange man auf der Insel blieb, konnte man sich als freier Mensch fühlen!“, erklärt Ann Rosman.

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Ihre Bücher handeln von Verbrechen, die lange zurückliegen und auf die eine oder andere Art mit einem aktuellen Fall aus der Gegenwart verbunden sind. Die Faszination für die Geschichte der Region lernte sie von ihrem Vater. „Jeden Sommer segelten wir sechs Wochen lang und mein Vater redete immer und überall mit den alten Fischern, von denen es heute kaum noch welche gibt. Dabei hörte ich immer all diese Geschichten von der Küste und den Menschen, die hier unter sehr rauen Bedingungen lebten. Und ich liebe diese Geschichten!“

Die Piraten von Marstrand

So kam sie auch den Piraten von Marstrand auf die Spur. „Es gab hier zwei Männer mit Kaperbriefen vom König“, sagt Ann. „Die datieren von 1811 und 1814. Sie durften jedes Schiff aufbringen, das unter der Flagge eines nicht mit Schweden befreundeten Staates segelte. Sie lebten gleich dort drüben, auf Klåverön. Der letzte der beiden starb erst 1854, das ist nicht lange her – das Rennen um die Isle of Wight, aus dem der America’s Cup entstand, fand schon 1851 statt!“ Der ältere Pirat verbrachte seine letzten Jahre als sehr reicher Mann auf Klåverön, aber irgendwann hat ihn wohl sein Gewissen geplagt. Jedenfalls hat er in den Jahren vor seinem Tod in 1854 sehr viel Geld an die Kirche gespendet – so viel, dass er sogar als „Pater“ bezeichnet wurde.

Aber nicht nur die Kirche profitierte von den Freibeutern, auch Marstrand selbst bekam viel vom erbeuteten Wohlstand ab. Die Beute und die gekaperten Schiffe wurden hierhergebracht, Händler und Kaufleute beschafften Waren für die Piraten und verkauften die Beute. Die beeindruckenden großen Holzvillen entlang der Pier auf Marstrandsön zeugen noch vom einstigen und heutigen Wohlstand der Insel – einige stammen noch aus den Zeiten der Freihandelszone, andere aus der Ära der Freibeuter, viele aber auch aus Oskars Zeiten. Die Häuser ganz am nördlichen Ende, bei der Nordeinfahrt zum Hafen, sind aus den 1860er Jahren. Aber je weiter man nach Süden kommt, desto älter werden einige der Gebäude, sie datieren von 1822 und zum Teil sogar von 1750. Marstrand war schon vor der „Entdeckung“ durch König Oscar II eine besondere und wohlhabende Insel. Doch der ganz große Boom kam mit dem König. Viele Inselbewohner konnten sich damals sehr große Häuser leisten, indem sie im Sommer in den Keller zogen und die oberen Stockwerke an die reichen Sommergäste vermieteten.

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Die bis heute in immer größeren Scharen auf die Insel strömen. Dann spielt sich das Leben vor allem am Hafen ab, wobei die Insel durchaus, auf der zur See hin gewandten Seite und im „Märchenwald“ unterhalb der Festung, auch vergleichsweise ruhige Ecken besitzt. Am Hafen jedoch trifft man sich zu jeder Tageszeit, beobachtet die vielen Schiffe und dabei, je nach Interessenslage, die Manöver der an- und ablegenden Yachten, deren Crews oder auch die Bootstypen selbst. Fröhlicher Trubel herrscht auf der alten Steinpier, auf der hier und dort auch Tische und Stühle vor Cafés oder Restaurants stehen. Am beliebtesten und belebtesten ist immer noch das berühmte Café Berg mit dem Seglerfrühstück, den köstlichen Kuchen und leckeren Snacks. Schon frühmorgens stehen Segler und Inselbewohner einträchtig in der Schlange vor dem Laden, letztere oft auch noch ungekämmt und in Bademänteln, um ihre frischen Brötchen zu holen.

Autofreies Marstrand

Zu fuß, versteht sich, denn de facto ist die Insel Autofrei. Von ganz wenigen Ausnahmen einmal abgesehen bewegt man sich per pedes, per Fahrrad oder bevorzugt mit dem „Marstrand-Ferrari“, einem jener dreirädrigen Mopeds mit einer ausladenden Ladefläche vorm Lenker, auf denen Gepäck, Kinder, Einkäufe und Segel transportiert werden.

Wie so viele Inseln, hat auch Marstrand ein Saisonproblem. Im Sommer tobt hier das Leben, doch im Winter ist die Insel so gut wie ausgestorben. Erst wurde das Rathaus geschlossen, dann die Bank, die Tankstelle, der Zahnarzt… nur die Schule bleibt vorerst auf der Insel. Darüber freut sich vor allem Ann Rosman, deren älterer Sohn dort unterrichtet wird. „Es gibt rund 85 Kinder auf der Inselschule“, sagt sie, „und ich würde mir wünschen, dass man die Einzugartigkeit dieser Schule erkennt und nutzt. Denk doch mal, es ist eine Insel, ohne Autos, da könnten die Kinder alles machen. Sie könnten Segeln oder Angeln oder das Leben im Wasser erforschen, aus erster Hand, es ist doch alles da! Es wäre so viel besser, das zu erkennen und die Schule zu profilieren statt einfach nur zu sagen, sie sei zu teuer für die kleine Insel! Dann würden vielleicht auch mehr Eltern ihre Kinder dorthin schicken wollen, hier wohnen wollen…“ Vielleicht ist dies ja der Beginn einer neuen Zeit für Marstrand, in der es wieder zu einer lebendigeren Gemeinschaft wird. Nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter. Vielleicht schaut Prinzessin Victoria von Schweden, die sich im Sommer angeblich gerne hier sehen lässt, dann auch einmal im Winter vorbei.

Allgemeine Reiseinfos Schweden

Hier geht es zum Interview und zu den Büchern von Ann Rosman

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