Ist die Ile d’Ouessant die westlichste Insel Europas?

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Ausspannen am Ende der Welt: Auf der Ile d’Ouessant findet der Besucher die Bretagne im Kleinformat. 

Felsig, monolithisch und grau steigt die Ile d’Ouessant vor dem Bug aus der langen, trägen, kraftvoll atmenden Atlantikdünung heraus, je näher die Nordostbrise unser Segelboot an diesen Außenposten Europas heranträgt. Ouessant – wörtlich: die westliche – liegt auf fünf Grad und fünf Minuten West und die Franzosen behaupten gerne, dies sei der westlichste Zipfel Europas. Was allerdings eine offensichtliche Marketinglüge ist: Land’s End liegt auf fast sechs Grad westlicher Länge. Und selbst, wenn man als besonders francophiler Mensch England nicht zum kontinentalen Europa zählt (von den Isles of Scilly oder gar Irland ganz zu schweigen), gibt es da noch das Kap Finisterre. Die nordwestlichste Ecke Spaniens ragt deutlich über den neunten Längengrad West hinaus.

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Doch geographische Feinheiten hin und die Glaubwürdigkeit von Tourismusbroschüren her: Wer vom Pointe de Pern genau nach Westen fährt, wird erst rund dreitausend Seemeilen später wieder auf festes Land treffen. In der geschützten Baie du Stiff an der Ostküste der Insel legen die Fährboote vom Festland an, doch das Dorf Lampaul und die eigentliche Ankerbucht von Ouessant liegen ausgerechnet an der zum Atlantik hin vollkommen offenen Westseite. Klopfenden Herzens segeln wir die Passage du Fromveur an der Südküste der Insel entlang nach Westen. Die Dünung ist trotz der handigen Brise mächtig, der Gezeitenstrom rauscht kraftvoll gischtend durch die bizarren, scharfzackigen Felsen. Etliche Schiffe fanden in diesen Gewässern ein vorzeitiges Ende. Stellvertretend für viele ist der Untergang des Dampfers “Drummond Castle”, der am 16. Juni 1896 auf den “Grünen Felsen” zerbarst.

Wer jedoch nicht wie wir auf eigenem Kiel, sondern mit der Fähre von Brest aus anreist, kann sich mit wohligem Schauern an derartige Tragödien erinnern und sich ansonsten unbeschwert den verschiedenen Aspekten des insularen Landlebens widmen. Denn Ouessant ist der ideale Ort für denjenigen, dem das urbane Dasein zeitweilig auf die Nerven geht. Hier sind die Menschen einfach und natürlich, vom Salzwind gegerbt und oftmals scheinbar in Calvados, Pastis oder Vin de Pays eingelegt. Einer von ihnen, Yvan, sagte zu uns: “Hier lebst du mit dem Wetter und nicht mit dem Gerede der Nachbarn. Du riechst und fühlst und hörst immerfort die See, die ohne Unterlaß nach einem Anlauf von einigen tausend Seemeilen gegen die Felsen brandet.” Wie unendlich weit entfernt ist hier doch das Getümmel einer Großstadt.

Das Dorf Lampaul sieht fast so aus, wie ein typischer, leicht heruntergekommener Ort in Frankreich auf dem Lande – wäre da nicht das Tuten des Nebelhorns und nachts der am Himmel wandernde Lichtfinger des Leuchtturms Creac’h, dem mit einer Tragweite von 33 Seemeilen stärksten Europas übrigens. Nur wenige Seemeilen vor der Küste verläuft die meistbefahrene Schiffahrtsstraße der Welt: frequentiert von rund 80.000 Schiffen jährlich, das macht knapp 220 pro Tag oder 9,13 pro Stunde oder alle 6,57 Minuten eines. Jeder Dampfer, der aus dem Atlantik durch den Englischen Kanal nach Europa kommt oder es auf diesem Wege wieder verläßt, schippert dicht an Ouessant vorbei:  shipspotting wäre hier also eine durchaus ergiebige Beschäftigung.

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Was tut man sonst noch hier? Wandern, gucken, fühlen, in der frischen Seebrise frösteln oder im einem windgeschützten Winkel die Sonne aufsaugen, staunen – Strände, Felsen, Gischt, Brandung, aber auch das Museum der Leuchtfeuer einmal ansehen. Und aktiv sein: Man kann hier Segeljollen mieten, Tauchen, Reiten, Fahrräder mieten oder sich beim Football, Volleyball oder Basketball austoben. Und natürlich bretonische Spezialitäten genießen. Crepes, Galettes und die köstlichen Fruits de Mer – Austern, Venusmuscheln, Krebse, Seespinnen, Krabben, Langusten, Garnelen, Seeschnecken. Getrunken wird zu den hauchdünnen, mal süß und mal deftig belegten Pfannkuchen aus Weizen- oder Buchweizenmehl am besten der herbe bretonische Cidre aus groben Tontassen, die Muscheln und Krustentiere eines Plateau de Fruits de Mer hingegen lassen sich vortrefflich mit einem leichten, frischen Muscadet herunterspülen. Denn dieser beliebte Wein aus dem Pays de la Loire kommt, wenn schon nicht direkt aus der Bretagne, dann zumindest aus dem südlichen Grenzland und ist daher auch bei ausgeprägtem keltischen Lokalpatriotismus noch akzeptabel. Obendrein ist er deutlich günstiger als der ebenfalls aus dem Loire-Tal stammende Sancerre oder die verschiedenen dort angebauten Anjou-Sorten.

Die Menschen auf  Ouessant sind, wie übrigens überall in der Bretagne, freundlich und interessiert – keine Spur der angeblich so sturen und introvertierten Bretonen. Aber das liegt vielleicht auch an dieser eher kargen Insel im Atlantik, wo man zwangsweise über den Horizont hinaus schauen muß, um Perspektiven zu bekommen und daher auch Fremden gegenüber aufgeschlossen bleibt. Wie zum Beispiel Yvan, der, so besoffen er nachts auch ist, unsere prekäre Lage sofort begreift: Ein plötzlich aufgekommener, starker Südwestwind schneidet uns nach einem ausgiebigen Essen und vergnüglichen Abend an Land den Heimweg zu unserem wild in der ungeschützten Ankerbucht rollenden Schiff ab. Bis auf die Haut durchnäßt von dem erfolglosen Versuch, unser schwankendes Domizil doch noch mit unserer Nußschale von einem Beiboot durch die Brandung hindurch zu erreichen, versuchen wir nach Mitternacht vergeblich, eines der wenigen Hotelzimmer in Lampaul zu bekommen. Kurzerhand und alle Einwände lallend beiseite wischend lädt uns der breitschultrige, rothaarige Inselkelte mit in sein Haus ein, wo wir dankbar im rümpeligen Gästezimmer übernachten. Beunruhigende Parallelen an den perversen “Gastgeber” Frank N. Furter aus der Rocky Horror Show verdrängen wir erfolgreich, obwohl in den frühen Morgenstunden eine lärmende Party mit einer undefinierbaren Anzahl an Gästen im Wohnzimmer des alten und urgemütlichen Steinhauses stattfindet – wir versuchen derweil zu schlafen und bleiben unbehelligt.

Yvan ist Seemann, seit elf Jahren fährt er auf der Fähre zwischen St. Malo und Portsmouth, davor war er elf Jahre lang auf weltweiter Fahrt unterwegs. Sieben Tage arbeitet er, anschließend hat er sieben Tage frei und bleibt dann fast immer auf seiner Insel. Hier im Ort wohnen seine Mutter und zwei Brüder. Der jüngere ist Bäcker, der ältere, eigentlich ebenfalls Seemann, arbeitet jetzt als Fluglotse im Kontrollturm des kleinen Inselflugplatzes – bei dem überschaubaren Verkehrsaufkommen von nur wenigen Propellermaschinen wöchentlich ist er dabei allerdings längst nicht so herzinfarktgefährdet wie seine Kollegen beispielsweise in Charles de Gaulle oder Orly.

Erstaunlich früh und erstaunlich frisch und erstaunlich gutgelaunt weckt uns Yvan am nächsten Morgen – er kann nur wenige Stunden geschlafen haben. Ohne den eigens für uns aufgesetzten Kaffee anzurühren verschwindet er für eine Weile um, wie sich dann herausstellt, von seinem kleinen Bruder ein frisches Baguette zu holen. Er selbst glaubt offenbar nicht an die Notwendigkeit fester Nahrung, wie nicht nur ein verstohlener Blick in seinen bis auf zwei alte Bierdosen leeren Kühlschrank bestätigt. Ein fröhlicher Arbeitskollege von den “Brittany Ferries” schaut herein, und während wir uns mit Kaffee und Baguette begnügen, schenken sich die beiden großzügige Wassergläser voll gelbtrüben Anisschnaps ein – nicht, ohne auch uns zuvor Whisky, Wein oder ebenfalls Pastis angeboten zu haben. Über dieses hochprozentige Frühstück kommen wir schnell ins Gespräch. Yvan liebt seine Insel, wie er uns versichert, mehr brauche er nicht. Leider sei es immer schwerer, Arbeit zu finden: “Früher gab es viele Seeleute aus Ouessant, jetzt sind es kaum noch welche – überall werden Asiaten angeheuert. Und auf der Insel selbst ist es fast unmöglich, etwas zu finden, darum gibt es hier besonders viele alte Leute.”

Auch der Fremdenverkehr schafft in dieser Hinsicht kaum Abhilfe, denn wirklich touristisch ist die Insel nicht. Es gibt gerade einmal vier Hotels auf Ouessant, von denen das nette, unprätentiöse Ein-Sterne Hotel de Fromveur besonders empfehlenswert ist (Telefon 02.98.48.81.30). Hier gibt es ausgezeichnetes Essen mit vielen frischen Meeresfrüchten, hier treffen sich abends auch viele Inselbewohner in der Bar. Und nach dem Essen wird sogar der Billardtisch wieder frei geräumt, der während des Diners als Anrichte herhalten muß.

An diesem Vormittag steht jedoch eine Inselerkundung auf dem Programm. Zuvor wollen wir nach unserem Boot in der Baie de Lampaul schauen. Ein Blick aus dem Küchenfenster auf die ganz scheinheilig gelassen und idyllisch blau in der Sonne glitzernde See beruhigt uns – der Wind hat nachgelassen und unser schwimmendes Zuhause ist somit wieder erreichbar. Mit seinem ungewöhnlichen – einige würden vielleicht auch sagen: schrottreifen – Auto, das hauptsächlich von Drahtenden und Bindfäden zusammengehalten wird und deutlich besser beschleunigt, als bremst, fährt Yvan uns schnell zum Anleger. Dieses Vehikel würde auf dem Festland schon nach drei Metern vom erstbesten Flic stillgelegt werden, doch hier auf der Insel sehen wir noch mehr solcher Voitures, deren Besitzer sich offenbar weder um das französische Pendant des TÜV, noch um irgendein Haltbarkeitsdatum ihrer ebenso sympathischen wie gebeutelten Transportmittel scheren. Dabei träumt Yvan vom Porsche, aber was sollte er damit schon auf seiner Insel anfangen, deren komplettes Straßennetz er mit seinem bemerkenswerten, weil trotz allem immer noch fahrenden Renaultwrack in knappen zehn Minuten mühelos bezwingen kann.

Und zum Abschied versichert er uns glaubwürdig, daß wir von nun an, wann immer wir es brauchen, ein Haus auf Ouessant haben: „Der Schlüssel liegt immer unter der Fumatte, wenn ic arbeiten muss!“. Und es  ist gar nicht so ausgeschlossen, daß wir ihn eines Tages noch einmal beim Wort nehmen werden…

In etwas abgewandelter Form ist dieser Artikel auch in meinem Buch „Land’s End“ zu lesen…

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