Brel. Der Mann, der eine Insel war

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Warum ist dieses Buch über das Leben des berühmten Sängers (und weniger berühmten Schauspielers) Jacques Brel so bewegend? Weil man beim Lesen spürt dass man verdammt noch mal sein Leben zu leben hat – und zwar aus dem Vollen, mit Leidenschaft, bis zum Anschlag!

Mit Empathie aber auch Abstand, objektiv und mit viel Sachverstand geht der Autor Jens Rosteck an das Leben von Brel heran, ein ebenso kurzes wie turbulentes Feuerwerk. Angesichts eines solchen Lebens wäre es ein leichtes, beim erzählen in Klischees zu verfallen und auch, sich in gängigen Moralvorstellungen zu verstricken – beides vermeidet der Autor. Er zeigt die vielen verschiedenen Facetten von Brel auf und zeichnet, unterhaltsam und spannend geschrieben obendrein, ein faszinierendes Bild von diesem in mehr als einer Hinsicht außergewöhnlichen Menschen.

Ein „Naturereignis“ auf der Bühne, lebte er in einer Parallelwelt – vielleicht auch in mehreren. Seine Familie verließ der ewig suchende, fliehende früh, blieb seiner Ehefrau gegenüber jedoch auf seine eigene, eigenartige Weise loyal, ließ sich nie scheiden und übertrug ihr und den Töchtern sein gesamtes Erbe. Seinen Töchtern gegenüber war er dennoch der schlimmstmögliche Rabenvater; auf der anderen Seite steckte er, und sehnte sich, nach extrem viel Liebe und Zärtlichkeit. Lebte auf und schwelgte einige Jahre im Weltruhm, nur um all das abrupt zu beenden und sich, als Segler und als Pilot, mit einer seiner Geliebten, der Auserwählten aus vielen Affären, in die Südsee zurückzuziehen wo er, wie vor ihm schon der Maler Paul Gauguin, auf der Insel Hiva-Oa endlich sein irdisches Glück fand. Wie viel Schaden darf man anrichten, um auf der anderen Seite selber glücklich zu werden?

Widersprüche durchziehen aber auch sein künstlerisches Werk: „Verstand er sich in erster Linie als Musiker, Bühnendarsteller, Mime oder Prediger? Definierte er sich eher als Songwriter oder als singender Pädagoge, als Liedermacher oder Sprachkünstler? War er, asl Partitur-Unkundiger, „lediglich“ Interpret? Handelte es sich bei ihm nicht vielmehr um einen Narziss im Gewand eines Weltverbesserers? Taugte er, der als katholischer Pfadfinder heranwuchs und zu Beginn seiner Karriere nicht selten als „Abbé Brel“ liebevoll verspottet wurde, überhaupt zum Klerus-Kritiker, zum „engagierten“ Künstler oder politischen Sänger? Bezog er Stellung? Wen genau stellte er an den Pranger?“ So fragt der Autor gleich zu Beginn des Buches und nähert sich diesen, aber auch vielen anderen Fragen und Rätseln im Phänomen Brel auf, wie schon erwähnt, gründliche und unterhaltsame Weise.

Das Buch bewirkt dreierlei. Es bringt einem den Menschen Brel näher, mit allen seinen Problemen und Widersprüchlichkeiten aber auch allen guten Seiten. Es macht Lust darauf, sich wieder einmal in seine Chansons zu vertiefen, oder, sollte man diese noch nicht kennen, sie zu entdecken, zu hören – und nach der Lektüre dieses Buches ganz sicher mit anderen Ohren, als vorher. Vor allem aber wird einem klargemacht, dass ein Leben zum Leben da ist. Dass man zumindest versuchen sollte, mehr aus sich zu machen, seine Träume zu realisieren und nach den Sternen zu greifen und dass ein Scheitern keine Schande, sondern Ansporn ist. Und das, auch dies eine große Wahrheit, alleine der Anspruch zählt, der Wille, der Versuch – und nicht unbedingt das Ergebnis. Brels Chansons sind genial und groß und zeitlos. Sie zeigen immer wieder alle menschlichen Fehler und Schwächen. Das einzige, was wir tun können? Versuchen wir wenigstens, es besser zu machen. „Hundert Prozent Mut, Wahnwitz und Großzügigkeit!“ So charakterisierte sein Freund Claude Lelouch ihn nach seinem frühen Tod.

Darüber hinaus bietet das Buch noch einige vielleicht seltene, auf jeden Fall schöne Fotos, eine sehr ausführliche Zeittafel mit den wichtigsten Ereignissen, beginnend mit seiner Geburt aber die über seinen Tod bis heute reicht, sowie „Diskografische Empfehlungen“. Letztere besondern wertvoll für einen Ahnungslosen wie mich, der durch das Buch gerade Brels Welt entdeckt hat und nun das Interesse an seinem Werk spürt, das angesichts der Flut an erschienen Tonträgern für mich vollkommen unübersichtlich ist. Keine Ahnung, wie sich in diesem Dickicht zurechtfinden, da hilft dieses kurze Kapitel. Kurzum: Ein tolles Buch, voller Leben und Inspiration, weniger für eingefleischte „Brelianer“ sondern eben für Leute wie mich, die zwar schon mal was von Brel gehört haben, aber sonst nichts von ihm wussten.

Hier geht es zum Brel-Chanson „Amsterdam“ auf Literaturboot. 

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