Klara vergessen

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Der brutale Alltag der Nordmeerfischerei der Sowjetunion zu Stalins Zeiten – und ein wissenschaftlich offenbar erfolgreicher und anerkannter Ornithologe aus Amerika. Die Suche nach Uran in den subpolaren Regionen der UdSSR und eine bedrückende, weil auch in weiten Teilen nachvollziehbare, den extremen äußeren Umständen geschuldete Familiengeschichte andererseits: Das sind die Zutaten für diesen faszinierenden und emotional packenden Roman der großen Seglerin und Schriftstellerin Isabelle Autissier. Die hier, wie schon in ihrem Bestseller „Herz auf Eis“ eindrucksvoll schildert, wozu Menschen fähig sind in Extremsituationen.

Es geht hier um tragische, aber auch alltägliche Schicksale in der Welt der Sowjetunion unter Stalin und später zu Zeiten von Glasnost. Die Fischerei im Nordmeer ist brutal und erbarmungslos, inklusive Wilderei in den Fischgründen der Norweger; die Zustände auf den Trawlern der Sowjets sind, zumindest für die jüngeren und schwächeren Mitglieder der Besatzungen oft unmenschlich. Kaum besser ist das Alltagsleben an Land zu Zeiten Stalins, erst recht für einen heranwachsenden Jungen, der vom Vater scheinbar grausam gequält wird und der sich schon früh seiner homosexuellen Neigung bewusst wird – undenkbar, was mit ihm passieren würde, wäre das damals heraus gekommen.

Im äußersten Norden der UdSSR gibt oder gab es aber auch eine dramatische, wunderschöne Natur inklusive dort lebender Nomaden, von deren Existenz ich vor der Lektüre dieses Buches nichts wusste. Beim Lesen entfaltet sich so eine einzigartige Atmosphäre, verknüpft mit der ebenso einzigartigen Welt der UdSSR, deren Diener eben diese nomadischen Stämme leider nur unterdrücken und ausmerzen wollten.

So erfährt man einiges über diese Zeit zwischen Stalin und Gorbatschow, vielleicht nicht so sehr in Russland als eben vielmehr vor allem in Murmansk und der Subarktis, was für sich schon faszinierend ist. Dazu noch das Geflecht der menschlichen Beziehungen und Abgründe, aus Begehrlichkeiten und Verrat, Überlebenskampf und Schuld – und es ist der Stoff für einen großartigen Roman, den Isabelle Autissier uns hier auch in gewohnt gekonnter Art liefert.

Denn dies ist viel mehr als nur eine traurige Familiengeschichte. Wie sehr sind die Schicksale über Generationen doch miteinander verbunden. Und nicht nur das, auch die Schattenseiten der Charaktere – Vater und Sohn, am Ende sind es beide Mörder. Und sie sind so unterschiedlich nicht, wie es über weite Strecken den Anschein hat. Warum werden wir so, wie wir sind? Was beeinflusst und prägt uns? Auch diese universellen Fragen werden hier aufgeworfen.

Das Buch ist ebenso emotional wie, in gewisser Hinsicht auch desillusionierend. Doch, wie schon bei „Herz auf Eis“, schafft Isabelle Austissier es, bei aller Tragik am Ende doch mit einem positiven Ausblick zu schließen. Auch das ist wirklich berührend. In jedem Fall klingt das Buch lange in einem nach. Unbedingt lesenswert!

 

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