Aufstand der Matrosen

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November 1918, Revolution in Deutschland. Wenn Geschichte an Einzelschicksalen lebendig wird, dann wird sie auch in all ihrer Komplexität und Widersprüchen verständlich. So auch hier, in diesem sachlich und nüchtern erzählten, aber dennoch packenden und spannendem Buch. Zumal hier nicht nur die bekannten und berühmten Personen auftreten, sondern auch die, um die es letztendlich ja auch wirklich geht: Die einfachen Matrosen und Heizer und Arbeiter, die letzten Endes die Revolution geschafft haben. Widerständler und Waffenschieber, Künstler und Schriftsteller – sogar der von mir so überaus geliebte Joachim Ringelnatz, der ja auch in der kaiserlichen Marine diente, kommt vor. Denn es sind reale Personen, denn der Autor Dirk Liesemer hat sehr akribisch Zeitdokumente, Tagebücher, Briefe und so weiter gesammelt und gesichtet, um diese Chronik daraus zu weben. Hier bekommen die historischen Ereignisse ein menschliches Gesicht, denn hier erleben wir quasi aus erster Hand auch die vielen Zweifel, Ängste, Ideen und Irrtümer, die natürlich immer auch eine große Rolle spielen – und nicht selten eben auch den Lauf der Geschichte beeinflussen.

Auslösendes Ereignis ist der Befehl der Marineleitung, zu einer letzten, angeblich heroischen Seeschlacht gegen die Engländer auszulaufen. Es ist der späte Oktober 1918, der Krieg de facto zwar schon verloren, aber noch nicht wirklich beendet. Teile der deutschen Regierung führen, teils geheime, Friedensverhandlungen mit den Amerikanern, andere fordern, bis zum Untergang zu kämpfen. Doch die Menschen in Deutschland, Soldaten wie Zivilisten, sind längst Kriegsmüde – hungrig und verzweifelt vegetieren sie dahin, während die Herren Offiziere in Saus und Braus leben und Heldentaten, natürlich nur von ihren Untergebenen, einfordern.

Doch die machten jetzt nicht mehr mit. Die sinnlose letzte Seeschlacht, in der tausende von Todesopfern kaltblütig einkalkuliert wurden und die darüber hinaus alle Bemühungen um einen Frieden torpediert hätte, war einfach zu absurd und sinnlos. Selbst Vaterlandsstreue Matrosen mussten das erkennen und mit dem Verlust eines ganzen Weltbildes und ihres Selbstverständnisses kämpfen, vor allem, als während der Befehlsverweigerungen und Auseinandersetzungen zuerst auf den Schiffen der kaiserlichen Marine die ganze menschenverachtende Niedertracht der allermeisten Offiziere offen zutage trat.

Das Ergebnis: Zunächst Befehlsverweigerung der Matrosen auf den Schiffen der Flotte, vor allem in Wilhelmshaven. Als Teile der Flotte dann nach Kiel zurückbeordert werden als klar wird, dass die geplante Seeschlacht nicht durchgeführt werden kann, solidarisieren sich Matrosen und Arbeiter – letztere hatten schon seit einiger Zeit einen Generalstreik geplant um den Frieden zu erzwingen. Von Kiel aus schließlich wurde das Ende des Kaiserreichs und der Monarchie in Deutschland eingeläutet.

Ein faszinierendes und sehr lesenswertes Buch, das diesen wichtigen Teil der deutschen und europäischen Geschichte höchst lebendig und verständlich werden lässt.


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