Turning Tide

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on pinterest
Share on whatsapp
Share on email

Einhand-Regatta mit ungebetenem Gast

Nach All is lost (Robert Redford) ist nun ein weiterer höchst spannender Hochsee-Segelfilm als DVD/BD erhältlich. Doch in Turning Tide – Zwischen den Wellen geht es weniger um den Überlebenskampf auf stürmischer See als um das Überleben von Zielen in der globalen Gesellschaft. Denn bei der Vendée Globe, der anspruchsvollen Nonstop-Einhandregatta rund um den Globus, bleibt der bretonische Skipper Yann Kermadec (Francois Cluzet/Ziemlich beste Freunde) nicht lange „en solitaire“ (so der frz. Originaltitel). Während im erstgenannten Film eine Kollision mit einem Container zu Wassereinbruch und Sinken der Yacht führt, so ist in dem Film von Christophe Offenstein nach dem Drehbuch von Jean Cottin nach ähnlicher Kollision ein Ankerstopp im Schutz der kanarischen Inseln notwendig. Die Reparatur verläuft erfolgreich und Kermadec arbeitet sich langsam wieder an die Spitze des Feldes heran. Doch als wenige Tage später ein mauretanischer Jugendlicher aus der Vorschiffsluke klettert, steht der wutentbrannte Segler vor einer schwierigen Entscheidung, könnte der ungebetene Gast an Bord doch bei diesem Einhandrennen schnell zu einer Disqualifikation führen.

Der Bretone segelt einen Umweg, um den Jungen vor der Küste Brasiliens an Land zu setzen und riskiert damit seine Platzierung. Als er dann noch eine Konkurrentin in Seenot von ihrer durchgekenterten Yacht abbergen muss, spitzt sich die Dramatik zu. Die gerettete Schiffbrüchige vermittelt, dass es keine Unterschiede zwischen Gast und Gast gibt und in der kurzen Verweildauer an Bord bis zu ihrer Abholung mittels Helikopter integriert sie Mano Ixo in das Bordleben und baut die Brücke zwischen Skipper und Jungen.

In der Folge bleibt wenig Zeit, nach einer Lösung zu suchen, denn das Rennen geht weiter. Und so bleibt der Film seglerisch aufregend, denn vor Neuseeland und später am Kap Horn bekommen die beiden ordentlich was auf die Mütze. Das wechselhafte Wetter und die Positionsmeldungen im Regattafeld ziehen den Zuschauer in den Bann, und Begeisterung über die Geschwindigkeit rauscht geradezu von der Leinwand.

Klappen Sie den Kragen hoch und folgen Sie dem bretonischen Skipper in seinem spritzigen Kampf mit Wind und Wellen. Die meisten Aufnahmen wirken übrigens absolut authentisch, entstanden sie doch größtenteils auf hoher See an Bord einer realen Rennyacht gedreht, auf dem 2008 unter dem Namen „DCNS 1000“ gestarteten Open 60 – eine Glanzleistung des bis zu 16-köpfigen Kamera- und Tonteams.

Der Film lebt von dem Wechsel zwischen Starkwind-Szenen und sonnigen Einheiten voller Begegnungen mit Delphinen und Eisbergen und Betrachtungen von Sonnenuntergängen und dem Kap Horn, zwischen Passagen auf hoher See und der Kommunikation mit Familie und dem Regattateam an Land.

Vielleicht stellen Sie sich angesichts des einsamen Kampfes gegen Wind, Wellen und die Zeit dieselbe Frage, die Mano schließlich ausspricht: „Um die Welt – warum?“ Mano suchte lediglich eine Mitfahrgelegenheit nach Frankreich. Als er begreift, dass Yann das Rennen ohne ihn gewinnen könne, begibt er sich in die eigenständig aktivierte Rettungsinsel – natürlich nicht, ohne unbewusst einen Seenotalarm auszulösen und sich erneut den Ärger des Skippers einzuhandeln.

Wie wahrscheinlich es ist, dass das Ruderblatt nach einer Kollision mit einem Gegenstand bei derart hoher Geschwindigkeit derart zerfleddert, aber aus Bordmitteln reparabel ist spielt für die Story wohl ebenso wenig eine Rolle wie die Sehnsucht nach einem weiblichen Busen. Und während Regattasegler auf die glücklicherweise kurzen sentimentalen Szenen mit Internetkontakt zu Frau, Tochter und sogar deren Schulklasse vielleicht verzichten könnten, ebnen diese erzählerisch den Weg zu einem Wandel des ehrgeizigen Regattaseglers zu einem fürsorglichen Skipper mit Vaterfunktion und einem wahren Sieg. Ob Yann sich jedoch menschlich qualifizieren kann und wie ein solcher Sieg für ihn aussehen könnte, bleibt bis zum Filmende spannend.

Flüchtlingsströme weltweit, Tausende machen sich auf den Weg über das Meer, und immer wieder schockieren neue Meldungen von kenternden, sinkenden oder aufgegebenen Schiffen und Hunderten von Ertrinkenden. In Zwischen den Wellen erhalten die vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge ein Gesicht. In Form eines schüchternen Lockenkopfes, der in der Trikolore am Heck der ankernden Yacht das Ziel seiner Träume sieht. In Form eines jungen Flüchtlings, der sich nicht aufgrund politischer Verfolgung im Herkunftsland auf den Weg nach Europa begibt, sondern aus Hoffnung auf Heilung seiner Erberkrankung. Der Film ermöglicht, in das Erleben eines minderjährigen Flüchtlings einzutauchen und überzeugt, dass bereits ein einziger ertrinkender Flüchtling einer zu viel wäre, ohne moralisierend zu wirken.

Also Ende gut, alles gut? Weit gefehlt! Wo und wie es für den Teenager weitergeht, könnte offener nicht bleiben, und ginge es in diesem Film nicht primär um das Seglerische, so könnte an diesem Punkt eine neue spannende Geschichte beginnen.

FAZIT: Nicht nur für Segelbegeisterte und passionierte Regattasegler genau der richtige Film, sondern aufgrund der Aktualität der Flüchtlingsbewegungen an den EU-Außengrenzen auch für alle Wassersportler, Seereisende und andere, die sich über die Rettungsverpflichtung bei einer Begegnung auf dem Meer Gedanken machen. Absolut sehenswert!

Bücher portofrei bestellen!
Jetzt bei www.buecher.de!
Turning Tide - Literaturboot - Abenteuer & Fernweh

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kennen Sie jemanden, der das gern lesen würde? Hier klicken und teilen:

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on pinterest
Share on whatsapp
Share on email

Das interessiert Sie vielleicht auch

Reisen und andere Reisen

Dies ist keine Neuerscheinung, aber eine Entdeckung, die so wunderbar ist, dass ich sie hier teilen möchte. Das Buch trägt den Titel „Reisen und andere Reisen“ aber es ist, obwohl es von vielen verschiedenen Orten handelt, kein Reisebuch im klassischen Sinn; es geht hier eher um die Reise oder um

Im Sturm

Ich habe nicht vor, jemals noch einmal in einen schweren Sturm zu geraten, ich glaube, ich habe meinen Anteil daran (üb)erlebt. Da ich aber schon vorhabe, noch weiter zu segeln, lässt sich das leider auch nicht ganz ausschließen. Dennoch ist für mich die beste Sturmtaktik, möglichst gar nicht erst in

Eis in den Segeln

Nioclás Seeliger, Fotograf und Journalist aus Berlin, wurde 2010 infiziert. Der Polarvirus erwischte ihn bei einem Törn auf der deutschen Brigg „Roald Amundsen“ – auf der winterlich eisbedeckten Ostsee. Trotz vor Kälte steifer Finger wurde dort der Grundstein fürs Verlangen nach Törns ins Eis gelegt. Seit 2012 reiste Seeliger also

Digitale Empfehlungen