Mariette Navarro: Über die See

Auch wenn dieser wunderbar sinnliche Roman aus Frankreich nichts direkt mit dem Segeln zu tun hat, so beschreibt er doch eine fast surreale Geschichte aus der Seefahrt, die dem maritimen Leser Stoff zum Denken und sehr viel Spaß bereiten kann.

“Es gibt drei Arten von Menschen: die Lebenden, die Toten und die Seefahrer.” So beginnt dieses kurze, aber unvergessliche Buch. Hauptfigur ist die routinierte Kapitänin eines Containerschiffes. Schon ihr Vater war als Kapitän zur See gefahren. Sie führt das Schiff auf dem Weg von Europa zu den Antillen. An Bord eine internationale Besatzung.

»Erst hängen sie in der Luft. Dann tauchen sie zum allerersten Mal beide Füße in den Ozean. Sie gleiten hinein. Tausende Kilometer von jedem Strand entfernt.« – Mariette Navarro

Sie geht mit ihrem Beruf sehr sachlich um und übt diesen eher nüchtern aus. Umso überraschender ist es, dass sie unterwegs, kurz hinter den Azoren – bei Windstille und spiegelglatter See – dem Wunsch der Mannschaft zustimmt, die Maschinen zu stoppen, die Rettungsboote zu Wasser zu lassen, um es der Crew zu ermöglichen, ein Bad im Meer zu nehmen. Sie bleibt allein an Bord zurück. Hiermit beginnt eine Veränderung, die alle erfasst.

Sie beobachtet von der Brückennock das Treiben im Wasser, „… erwachsene Männer, auch wenn sie sich im Wasser für einen Moment wieder so leicht gefühlt haben wie Kinder.“ Allein auf dem riesigen Schiff, während die Männer ausgelassen im Ozean schwimmen, wird es zu einer winzigen Nussschale, die in der Unendlichkeit auf einem kilometertiefen Abgrund schwebt.

Hier soll nicht allzu viel verraten werden, aber diese Geschichte ist voller Metaphern und Zweideutigkeiten, die man sich ruhig erlesen muss. Alles hat seine Bewandtnis und seinen Grund.

„Wenn man zu tief in die See blickt, holt sie einen… irgendwann“ – Mariette Navarro

…das ist ein Spruch der hier mehr als treffend ist. Die Geschichte ist mit ruhigem Ton und sprachlicher Leichtigkeit geschrieben und wir dürfen stiller Beobachter sein. Gerade der maritime Leser liest gespannt Seite um Seite weiter. Das Ende wird jeden überraschen!

Ein Roman über die große See und die Seefahrer.

Dieses kleine, feine Buch der französischen Dramaturgin Mariette Navarro breitet die grenzenlose Weite des Ozeans aus und schafft großen Raum für persönliche Gedanken und die individuelle Auslegung und Einordnung des Gelesenen. Sprachlich brillant erzählt sie eine schöne durchdachte und emotionale Geschichte, die außerordentlich spannend ist und die Fantasie anregt. In kurzen Absätzen, die beinahe poetisch anmuten, wird voller Kraft und bildgewaltig erzählt.

Ein literarisches Kleinod… ist es extrem lesenswert!

Übrigens könnte das Buch für Führungskräfte Pflichtlektüre sein, die alle Managementbibeln auf den Meeresgrund versenkt.

 

Gelesen und empfohlen von Conny Kästner

 

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