Die Stille von Chagos

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Es war ein Paradies. Nicht nur für die vielen Blauwassernomaden und Welt-bummelnden Yachties, die sich, bis vor wenigen Jahren, teilweise monatelang in den unbewohnten Inseln aufgehalten haben. Vor allem war es ein Paradies für die Einwohner dieser Inselgruppe mitten im Indischen Ozean. Korallenriffe schützen die Inseln mit ihren feinen weißen Sandstränden, Fische gab es einst im Überfluss, ebenso wie Früchte an Land, die von den Bewohnern nur eingesammelt werden mussten. Die Inseln gehörten einst, als Britische Kolonie, zu Mauritius, und wenn ein Chagossianer beispielsweise ins Krankenhaus musste, ging es per Schiff dorthin.

Der Alptraum für die Chagossianer, den man getrost als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnen kann, begann in den 1960er Jahren – als die USA unbedingt eine Militärbasis im Indischen Ozean haben wollten. Ihre Wahl fiel auf Diego Garcia, der größten Insel des Chagos-Archipels, mit einem riesigen Naturhafen und strategisch perfekt gelegen – von hier aus flogen die Amerikaner ihre Luftangriffe auf Afghanistan, Irak, Pakistan und wohin auch sonst noch.

Mit ihren Verbündeten, den englischen Kolonialherren der Inseln, wurden sie sich schnell einig und pachteten Diego Garcia für zunächst 50 Jahre, jetzt verlängerten beide Parteien die Pacht um weitere 20 Jahre.

70 Jahre, in denen die Chagossianer ihre Heimat nicht betreten dürfen. Denn die USA stellten den Briten eine wichtige Bedingung: Die Inseln, die sie pachten würden, sollten unbewohnt sein. No problem, dachten die Engländer sich und machten sich daran, die Bevölkerung aus ihrem Paradies zu vertreiben. Rücksichtslops, brachial, brutal und ohne jedes Verantwortungs- oder Unrechtsbewusstsein, ohne jede Kompensation oder Hilfe. Die Bewohner wurden auf anderen Inseln, etwa Mauritius oder den Seychellen, ganz einfach an Land ausgesetzt – mittellos, ohne Chancen auf einen Job oder gar eine menschenwürdige Behausung. Viele Chagossianer starben, aus Wut, Trauer oder Verzweiflung. Andere Insulaner vegetierten in bitterster Armut dahin, traurige Schicksale die oftmals in Drogen- oder Alkoholsucht endeten oder in Kriminalität und Prostitution. Mehrere britische Regierungen logen, betrogen und taktierten, um sich der Verantwortung zu entziehen und erst jetzt gelang es endlich, dass dieses traurige und beschämende Kapitel der jüngsten britischen Kolonialgeschichte überhaupt öffentlich wahrgenommen wird.

Dazu trägt auch dieses Buch bei, welches einen nicht mehr so bald loslässt. Der Roman zeigt aus verschiedenen Perspektiven die Schicksale mehrerer Chagossianer. Da ist Charlesia, die mit ihrer Familie nach Mauritius fährt, da ihr Mann im Krankenhaus behandelt werden muß, und plötzlich und ohne jede Information nicht mehr auf ihre geliebte Insel Diego Garcia zurückkehren kann. Da ist Tony, ein Hafenarbeiter auf Mauritius, der Charlesia immer wieder am Kai stehen sieht, sehnsüchtig aufs Meer starrend. Da ist Désiré, der nach der Verschleppung seiner Mutter auf der Schiffsreise nach Mauritius geboren wird und sich zwischen den Welten fühlt. Und da ist der Schiffskapitän, der Gewissensbisse hat, weil er die Inselbewohner gegen deren Willen wegbrachte, nachdem er jahrelang mit Lebensmittellieferungen zu der isolierten und weitgehend unberührten Insel gekommen war.

Erzählt wird vom Leben auf Diego Garcia, von den Festen, dem Essen und dem Alltag, und vom Leben auf Mauritius, das in starkem Kontrast zum paradiesischen Inselleben steht. Die chagos-kreolischen Einschübe in Dialogen und Liedern bringen die fernen Inseln sprachlich näher.

Die Frage, was es bedeutet, heimatlos und entwurzelt zu sein, ist heute aktueller denn je. Der Roman spürt sensibel den verschiedenen Varianten des Unrechts nach, das den Chagossianern vor rund 50 Jahren widerfahren ist. Der Pachtvertrag mit den USA sollte eigentlich im Jahr 2016 auslaufen, jedoch wird sich die Nutzung voraussichtlich bis 2036 verlängern. Die Autorin Shenaz Patel verfasste für die deutsche Ausgabe ein Nachwort, das die politischen Entwicklungen der letzten Jahre nachzeichnet.


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