Marcel Dolega: Inseln

Hier haben wir einen spannenden Segelroman vorliegen, mit den Hauptschauplätzen auf den Kanaren, den Kapverden und in Brasilien. Geschrieben von einem, der dazugehört zur Welt der Langzeitsegler und Liveaboards, was man natürlich in jeder Zeile spüren kann. Allerdings spielt dieser Roman auch mit einigen wohl bekannten Klischees, wie ich finde. Aber worum geht es? Zwei Brüder, beide mit ihren Yachten alleine unterwegs als Nomaden der Ozeane. Und um Drogenschmuggel auf Yachten. Womit wie bei den gefühlten Klischees sind – Dauersegler und Liveaboards als kauzige Typen und schräge Vögel, und das Thema Drogentransport auf Yachten ist auch nicht gerade neu.

Aber gut, das nur am Rande. Tatsächlich geht es, sagt er Autor, ja auch um ganz andere Themen. Hier seine Sicht: „Worum es geht: Der Einhandsegler Tom setzt Kurs auf die Kanarischen Inseln, wo er seinen Bruder Marek treffen will – das erste Mal seit Jahren. Doch Marek erscheint nicht, und es kommen Gerüchte über einen gescheiterten Drogenschmuggel auf. Tom folgt Mareks Kurs über Cabo Verde bis nach Brasilien. In Salvador begegnet er Sol, die aus der Welt ihres Bruders Raul ausbrechen will – einer Welt, in der Geschäfte, Loyalität und Gewalt untrennbar sind. Und je näher Tom Marek kommt, desto mehr zerfällt, was er zu verstehen glaubte. Inseln ist ein Roman über Nähe und Abwesenheit – und über die Frage, was bleibt, wenn jeder Hafen vorläufig ist.“

Soweit, so gut. Schon rein Atmosphärisch ist diese Geschichte stimmig, die Schilderungen von Hafenkneipen und Inseln wirklich authentisch und so, dass sie die Lesenden tatsächlich mit in das Setting und die Handlung hineinziehen. Und ja, die Story ist auch wirklich spannend. Sehr schön fand ich die im Text eingestreuten nautischen und literarischen Hinweise, von Joseph Conrad und Hem bis zu Robert Gernhard und anderen, sowie die Erwähnung von Don Street jr., den ja heute selbst unter Seglern ja auch niemand mehr kennt! Hier zur Erinnerung: Don Street jr. (1930 bis 2024) segelte Jahrzehntelang mit seiner wunderschönen, roten und viele Jahre lang motorlosen Holzketsch „Iolaire“ vornehmlich in der Karibik und vermaß dabei Inseln, Riffe und Buchten – die Basis für die bekannten „Imray-Iolaire“ Seekarten der östlichen Karibik und vieler Segelhandbücher. Als hervorragender Seemann, aber auch als „Charakter“ und teils hemmungsloses Lästermaul erwarb er sich einen Ruf, der ihn schon zu Lebzeiten zur Legende werden ließ.

Aber zurück zum Buch. Spannend? Ja. Charaktere lebendig? Ja, die meisten. Auch deswegen fand ich es etwas schade, dass das Ende einerseits furios, andererseits aber auch teils etwas kryptisch geraten ist und den Lesenden mit einigen offenen Fragen zurücklässt.

Dennoch – Alles in allem ein wirklich gut erzählter und spannender Segelroman und daher auch eine echte Leseempfehlung von mir.

 

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Marcel Dolega: Inseln - Literaturboot

Foto: Krämerladen in Mindelo, Cabo Verde

Über Inseln und das Leben an Bord – Interview mit Marcel Deloga

Wie kamst du zu einem Leben an Bord?

Nachdem ich Anfang 2010 meine CHULUGI gekauft hatte, kam ziemlich schnell die Idee, eine längere Auszeit zu nehmen und „aufs Schiff zu gehen“. Aber ein Leben an Bord bedeutet in den meisten Fällen auch Verzicht an anderen Stellen – ein etablierter Freundeskreis, sichere Arbeit, ein Habitat, das nicht vom Wetter abhängig ist, usw. Die größte Hürde ist dann, tatsächlich die Leinen loszuwerfen.

 

Seit wann lebst du so? Ist das auf Dauer angelegt, also open end, oder eher mit Haltbarkeitsdatum als „Projekt“?

Im Sommer 2014 bin ich mit meiner Partnerin Joanna und unserem Bordhund Nico von der spanischen Atlantikküste aus gestartet. Was zunächst als zwei- bis dreijährige Weltumsegelung geplant war, hat sich spätestens bei unserer Routenänderung von „um Kap Hoorn westwärts“ zu „von Rio nach Kapstadt ostwärts“ verselbstständigt. Ein Jahr Corona in Indien hat dann noch einmal alle Pläne durcheinandergebracht, aber auch das Remote-Arbeiten von Bord selbstverständlicher gemacht. Dabei ist es dann geblieben.

 

Was genau hast du vorher gemacht?

Ich habe Kommunikationsdesign und Kulturwissenschaften studiert und dann zunächst an der Uni gearbeitet, bevor ich das Ingenieurbüro meines Vaters übernommen habe. Mir wurde aber ziemlich schnell klar, dass ich diesen Job nicht bis zur Rente machen möchte.

 

Wie kamst du zu deinem Schiff? Warum dieses, wo doch Tom im Roman eine so schöne Deckssalonyacht hat?

Eine Koopmans war immer mein Traumschiff – klassisch und stabil, ohne viel Schnickschnack. Eine echte Segelyacht, die für ein Leben auf See gebaut ist. Aber wenn ich noch einmal in den Genuss kommen sollte, ein neues Schiff kaufen zu können, dann stünde ein echtes Deckshaus ganz oben auf meiner Liste. Im Sommer spendet es Schatten und im Winter hält es warm.

 

Warum dieses Buch? Wie kamst du darauf? Wie lange hast du daran geschrieben?

Angefangen zu schreiben hatte ich, nachdem wir von Brasilien nach Südafrika gesegelt sind. In Brasilien waren wir selber am Rande in eine verrückte Geschichte geraten, in der es um Drogenschmuggel zwischen Brasilien und Cabo Verde ging. Wir wurden damals tatsächlich von der brasilianischen Polizei observiert und später befragt. Eine Yacht unter deutscher Flagge wurde in Paraty mit einigen Kilo Kokain aufgebracht.

Während unserer Zeit in Afrika schrieb ich die Geschichte etwa bis zur Mitte. Danach gab es eine lange Kreativpause. Vor zwei Jahren habe ich das Schreiben wieder aufgenommen. Ich habe vor allem am dramaturgischen Konzept lange gefeilt, weil es mir zu einfach erschien, die Handlung linear zu Ende zu erzählen.

 

Sind alle (viele) LangzeitseglerInnen wirklich so kauzige, schräge Typen, wie es mir bei der Lektüre vorkam?

Alle würde ich nicht sagen, aber viele trifft es schon ganz gut. Vor allem solche, die wirklich dauerhaft und über zehn Jahre und länger als Nomaden an Bord leben. Die Kategorie Einhandsegler ist dann noch einmal eine Steigerung. Ich glaube, es bedarf eines speziellen Mindsets für diese Art zu leben. Man trifft schon einige verrückte Typen, wenn man weltweit unterwegs ist und sich aus den gewohnten Komfortzonen heraustraut, wenn man zum Beispiel 300 Kilometer den Gambia-River flussaufwärts fährt oder in den Gewässern um Madagaskar und Ostafrika segelt, wo es teilweise nicht mal echte Häfen gibt, geschweige denn Yachtmarinas.

Ich selber würde mich nicht als Aussteiger bezeichnen. Ich nehme ja weiterhin an der Gesellschaft teil. Aber es gehört schon ein großes Maß an Individualismus und auch an Anstrengung (Askese im wörtlichen Sinne von Übung) dazu, sich innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen so frei zu bewegen, zumindest, wenn man nicht mit einem bequemen finanziellen Background gesegnet ist. Vielleicht wird man dann kauzig und schräg, ohne es zu merken. Geldnot und Einsamkeit sind vermutlich die größten Gefahren. Aber das passiert ja auch in Großstädten.

 

Wie kommt Marek am Ende so schnell von Brasilien zu den Kapverden und Lily nach Portugal und warum überhaupt?

Der dritte Teil von INSELN stellt einen bewussten dramaturgischen Bruch dar. Die bis dahin weitestgehend linear erzählte Geschichte zersplittert nach dem Showdown in Paraty. Was bleibt, ist eine Schaumstruktur. Die einzelnen Handlungsstränge und Personen sind nur noch lose miteinander verknüpft. Sie bilden Resonanzräume, in denen die Handlung der ersten Teile nachklingt. Manche Stränge lösen sich auf, andere bleiben irgendwie verbunden. Auch die Zeitwahrnehmung ist eine andere. So ist das im Leben. Und am Ende kann es ein Happy End geben.

 

Wird es noch mehr Romane von dir geben?

Ein Prequel ist bereits in Arbeit. Wir werden mehr über Maurice erfahren und darüber, wie es diesen kauzigen Typen aufs Schiff verschlagen hat. Die Handlung wird vom Mittelmeer nach Ostafrika führen. Und auch da darf man keine durchgehend lineare Dramaturgie erwarten. Das wäre nicht mein Stil. Mein Leben verlief nie geradeaus.

 

Eigene seglerische Pläne?

Der Pazifik steht noch ganz oben auf meiner Wunschliste. Ich hätte nichts gegen einen Überführungstörn in dieser Region. CHULUGI bleibt in nächster Zeit im Mittelmeer, unter anderem, weil unser Bordhund Nico bereits 16 Jahre alt ist und nach über 30.000 Seemeilen ein Kapitän a. D.

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Meine Bücher

Detlef Jens – Im Kielwasser des Geldes. Ein Segel-Krimi aus Hamburg
Detlef Jens – Gefährliche Gezeiten. Ein Segel-Krimi aus der Bretagne
Detlef Jens – Black Jack. Ein Segel-Krimi
Detlef Jens – Hafenjahre, Leben an Bord
Detlef Jens - Land's End. Ein Segelbuch über das Leben an Bord

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