Dies schreibt der Verlag über das Buch, welches ich voller freudiger Erwartung gelesen habe: „Seit dem Schlaganfall ihres Vaters führt Femke das Fischereiunternehmen der Familie allein. Doch die Quoten sinken, die Kosten steigen, und der alte Kutter Louise sowie die Pflege ihres Vaters zehren an ihren letzten Reserven. Femke steht vor dem Ruin – bis ein zwielichtiger Geschäftsmann ihr ein Angebot macht, das ihre moralischen Grundsätze ins Wanken bringt. Als plötzlich Sonja, ihre Jugendfreundin und einst engste Vertraute, nach Jahren wieder in Freest auftaucht, bricht die Vergangenheit mit aller Wucht über Femke herein. Sonja – mittlerweile Kapitänin auf großen Yachten und mit einer eigenen Agenda – ist der einzige Mensch, der Femke in dieser ausweglosen Lage wirklich helfen könnte.“
Dieser Familien- und Heimatroman fängt sehr ruhig und langsam an, was mal ganz erfrischend ist. Die Bedeutung des Prologs allerdings ist mir nicht ganz klar geworden, und das deutet bereits auf gewissen Schwächen in der Dramaturgie des Buches hin. Allerdings, es ist natürlich auch kein Actionroman oder gar Thriller…
Davon abgesehen ist das Buch gut lesbar, weil schnörkellos erzählt. Vor allem stimmen die fachlichen Details beim Segeln – was mich besonders gefreut hat, da in anderen „Segelromanen“ geradezu haarsträubende fachliche Fehler auftauchen. Diese Autorin kennt sich ganz offenbar bestens aus, im Segeln wie in der Fischerei, und von daher vermute ich, dass die Fakten ebenso beim Fischen stimmen. Aufgeschrieben ist das alles in ruhiger, fast schon dröger norddeutscher Art. Viel drumherum geredet wird hier nicht, die Autorin konzentriert sich auf das Wesentliche und vermeidet (vermeintlich) überflüssige Worte.
Das wirkt dann auf mich zuweilen etwas zu nüchtern in der Erzählung, was schade ist, gerade bei solch emotionalen Themen wie sie hier verarbeitet werden: wirtschaftliche Not, Freundschaften, häusliche Pflege eines dementen Vaters. Die Geschichte plätschert eher so dahin, es passiert nichts unvorhesehbares, ich habe dramatische oder überraschende Wendungen vermisst. Es muss keine aufgesetzte Action sein, das würde hier kaum passen, aber mehr Tiefe der Figuren wäre schön gewesen und auch Fragen bleiben – die Verzweiflung und Einsamkeit der Hauptfigur Femke, ihr wahres Verhältnis zum Vater und dem Kutter den nun sie fährt, warum sie das alles wirklich auf sich nimmt? Und was ist mit ihrer Mutter, Gerda, die nur immer dann erwähnt wird, wenn ihr Vater in seiner Demenz Mutter und Tochter verwechselt? Solche und andere Aspekte wären in einzelnen Szenen gut auszuarbeiten gewesen. Andererseits gibt es viele Szenen, die nicht wirklich zur Entwicklung der Story beitragen.
Dabei hat Freya Jüptner sich hier einen ziemlich starken Stoff vorgenommen. Zwei Frauen in den Männerwelten der Fischerei und des Segelns. Die prekäre Situation nicht nur einzelner Fischer, sondern der Fischerei an sich. Die zutiefst unsolidarische und unsoziale Gesellschaft, die es erlaubt, dass jemand wie Femke durch die Pflege ihres Vaters in schwere wirtschaftliche Not getrieben wird. Große Themen mit einem enormen dramatischen Potenzial.
Dem die zwei Hauptfiguren nicht wirklich gerecht werden. Sonja ist eine schon überperfekte Segellehrerin, die auch noch in ihrem „Zweitberuf“ im Krankenhaus erfolgreich die Karriereleiter erklimmt und nebenbei ihren Traummann heiratet. Femke dagegen ist keine mutige Rebellin, sondern eher eine verzagte Verliererin. Ja, so ist das Leben leider nur zu oft, stimmt schon. Aber so ist kein wirklich großer Roman.
Das Ende fand ich eher unbefriedigend. Weil auch das schon so lange vorhersehbar war und weil es enttäuscht, wenn es auch genau so eintritt – während ich als Leser denke: „Ist ja klar, wie das alles enden wird, aber da kommt sicher noch was…“ Und weil da dann nichts mehr kommt.
Und dennoch. Ich habe das Buch bis zum Ende gelesen und war trotz allem von dieser Geschichte berührt. Und wer wäre das nicht! Bei aller hier vorgebrachten Kritik, es ist ein lesenswertes Buch, realistisch und nüchtern und vielleicht liegt ja auch gerade darin eine gewisse Stärke…
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