Das ist auch mal ein interessantes Lebensmodell. Mads Bo Falk lebt nicht auf einem, sondern auf zwei – identischen – Booten. Eines davon liegt im Norden, eben in Aarhus, eines im Süden, auf den Kanaren. Sommer im Norden, Winter im Süden – ohne ständig hin- und her segeln zu müssen, was ja, vor allem der Trip von den Kanaren zurück nach Europa in den Norden, durchaus mühevoll sein kann. Perfekt, also? Mads hat da so seine Gedanken dazu. Ich traf ihn im Frühling in Aarhus auf seinem „Nord-Schiff“, als er gerade vom Winter in den Kanaren zurück nach Dänemark gekommen war.
Mads ist Coach und, ursprünglich, Musiker. Als Violinist und Dirigent arbeitete er an der Musikschule in Aarhus. Heute veranstaltet er „Silent Retreats“ beim Segeln an Bord seiner Schiffe. Wie kam er dahin?
Zwei Einschnitte in seinem Leben führten ihn in diese Richtung. Segler war er bereits von Kind auf an, er sagt, er sei wohl bereits im Alter von wenigen Wochen das erste Mal an Bord eines Segelbootes gewesen. Dennoch lebte er zunächst ein „geregeltes“ Leben an Land, Musiker, verheiratet, zwei Kinder. 2015 dann die Scheidung, Ereignis Nummer eins. „Wohnraum in Aarhus ist unmöglich teuer“, sagt er. Also zog er an Bord seines kleinen, 26-Fuß langen Bootes. „Ich wollte sowieso schon immer gerne an Bord wohnen, und dies war für mich allein durchaus groß genug. Aber ich hatte ja auch noch zwei Jungs, Teenager, und die sollten natürlich auch gerne bei mit wohnen können…“ So musste ein größeres Boot her.
„Als Segler träumst du ja immer mal von größeren Booten, ich stellte mir alle möglichen Dinge vor – wie stark das Schiff sein sollte, Hochseetüchtig, mit viel Stauraum, was für Segeleigenschaften und welche Kielform und was auch immer, ich hatte viele Kriterien.“ Als er dann tatsächlich ein größeres Schiff kaufen musste, erzählt er lachend, kam es nur noch auf eines an: „Die Anzahl der Türen unter Deck! Ich brauchte ja mindestens eine Kabine für je einen meiner Söhne und eine für mich.“ So kam er auf dieses Schiff, auf dem wir bei diesem Gespräch gerade sitzen, eine Møn 391, gebaut auf der gleichnamigen Insel in den 1980er Jahren. „Es hat vier Kabinen und dafür ist es, mit 39-Fuß, eher kompakt. Aber es funktioniert sehr gut. Und segelt vor allem auch gut!“
Seine Söhne wurden größer, bald erwachsen und zogen an Land, in ihre eigenen Leben. Er lebte weiterhin auf der Møn in Aarhus, nun wurde ihm das Schiff bald zu groß. „Ich brauchte all diesen Platz nicht mehr. Es gab zwei Kabinen, die ich gar nicht mehr betrat und sogar vergaß, was ich dort verstaut hatte!“
2019 war das zweite Ereignis, Mads hatte Krebs. „Ich wurde behandelt, operiert und mit Chemo und all dem. Ich hätte daran sterben können, tat es aber nicht. Und dann hatte ich dieses Gefühl, was viele Menschen haben die eine so lebensbedrohliche Situation überstanden haben. Ich dachte, dass ich mich in meinem Leben vielleicht nicht mit den richtigen Dingen beschäftige.“
Er kündigte seinen Job an der Musikschule und seine Arbeit als Violinist und Dirigent. Segelte sein kleines Boot, welches er einst behalten hatte, zu den Kanarischen Inseln. Nebenbei baute er sich ein unabhängiges Online-Business mit Coaching und Therapie auf, welches er bereits seit sechs Jahren parallel zu seinem Musikerberuf betrieb. „Aber dann war ich auf den Kanaren und es war wunderschön, und warum sollte ich überhaupt zurück nach Dänemark?“ Er beschloss, das große Boot in Aarhus zu verkaufen. „Doch eines Tages segelte ich in schönstem Sonnenschein dahin und hatte plötzlich das Gefühl, wie schön es sei, wenn das Boot mit netten Menschen gefüllt wäre, mit denen ich diese Erlebnisse teilen könnte. Anderen etwas von der Magie des Segelns zu vermitteln. Damit war die Vision da, das Segeln mit meiner Therapie und mit Coaching zu verbinden. „So kann ich Leute an Bord holen, ihnen das Segeln beibringen und ihnen gleichzeitig das zeigen, was ich die spirituelle Dimension des Segelns nenne – die Meditation und den Zustand, in den man dabei gelangt; ich nenne es „SEJLent“. Gebildet aus dem dänischen Begriff für „segeln“ und dem englischen Wort für „stille“. Und dann habe ich im Sommer 2021 zwei Retreats veranstaltet, einfach um es auszuprobieren.“
Therapeutisch gearbeitet hatte er bereits als Musiker, nebenher, nun wollte er das zu seiner eigentlichen Aufgabe machen. Und damit auch beim Segeln Geld verdienen! Auf seiner Webseite schreibt er: Ich arbeite seit 25 Jahren mit Geist, Seele und Bewusstsein und habe in den letzten 10 Jahren Tausende von Menschen zu einem inneren Leben in Balance, Stärke, Weisheit und Gelassenheit angeleitet, begleitet und inspiriert, wobei der verbindende Faktor das Bewusstsein ist.
Das passt sehr gut zum Segeln. Segeln, vor allem auf See, kann ja an sich schon eine wunderbare Form der Meditation sein. Segeln bedeutet auch äußere Freiheit, Freiheit in dem, was man tut. „Der andere Teil ist die innere Freiheit, die Freiheit, Ereignisse in deinem Leben nach eigenem Belieben wahrzunehmen und zu interpretieren und so deine Gefühle und Emotionen zu steuern. Es sind also innere und äußere Freiheit, die bei diesen Segel-Retreats, wie ich sie nenne, miteinander verbunden sind. Ich mache das seit 2021.“
Wie aber kommt das zweite Boot ins Spiel? „Vier Sommer lang machte ich diese Retreats hier im Norden, von Aarhus aus, aber auch ab Göteborg oder Svendborg. Ich wollte sie gerne auch im Süden machen, was ja auch meine Saison ausweiten würde. Denn die ist hier im Norden ja wirklich sehr kurz. Aber mein 26-Fuß Boot in den Kanaren war dafür viel zu klein.“
Und dann? „Eines Morgens, als ich beim Kaffee auf meinem Telefon scrollte, sah ich ein Schwesterschiff von diesem hier. Zum Verkauf. Auf Porto Santo, nur 300 Seemeilen nördlich von dort, wo ich es haben wollte. Und ich kannte das Schiff bereits. Nicht nur den Typ, natürlich, sondern tatsächlich genau dieses Exemplar! Ich war dem Boot quasi gefolgt, es war vor 15 Jahren um die Welt gesegelt worden, bestens ausgerüstet mit all diesen netten und teuren Dingen, und dann lag es lange in Las Palmas herum. Wo ich es immer wieder gesehen und gedacht hatte: Wow, das ist ein nettes Schiff! Dann war es ganz plötzlich zu verkaufen, noch sehr billig dazu, weil der Eigner es so schnell wie möglich loswerden musste, und ich rief an und kaufte es sofort, am Telefon. Diese Gelegenheit war einfach zu gut für mich!“
Nun ist er also Eigner ein kleinen Flotille: „Ja, ich besitze diese drei Boote seit zwei Jahren, wobei das 26-Fuß-Boot außer Betrieb ist und einfach dort im Yachthafen in Las Palmas liegt. Und es war großartig, denn ich konnte von diesen Retreats leben, wobei ich nur zehn pro Jahr veranstalte. Ich habe vor, dieses Jahr weitere zehn zu veranstalten; das reicht tatsächlich aus, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Fünf hier im Sommer, fünf dort unten im Winter. Was für eine Freiheit! Dass ich einfach entscheiden konnte: Jetzt will ich nur noch segeln und trotzdem davon leben.“
Aber gleich drei Boote zu haben? „Ja, das ist definitiv zu viel. Es ist ok, aber es belastet mich zu sehr, mich nicht nur um ein Boot, sondern gleich um drei kümmern zu müssen…“ Geht es dann mit den Retreats weiter? „Ja, ich werde das Boot hier in Aarhus verkaufen und das neue Boot aus dem Süden hierher segeln. Dann veranstalte ich nur noch fünf Retreats hier im Norden und werde im Winter auf meinem kleinen Boot in den Kanaren leben. Und dort muss ich mir eine andere Einkommensquelle suchen, aber ich würde gerne viel mehr Online-Therapie und -Coaching anbieten, weil mir das sehr viel Freude bereitet hat. Wenn ich jedoch acht Stunden am Tag vor dem Computer sitze, dann doch lieber dort, wo es 25 Grad warm ist, wo ich am Wochenende wunderbar wandern gehen und tagsüber zweimal ums Schiff schwimmen kann!“
Mehr über die Retreats auf dieser Seite (auf Dänisch).
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