Jens Rosteck: Den Kopf hinhalten

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Jens Rosteck ist Pianist, Musikwissenschaftler und Autor von Biografien und Reisebüchern, von denen ich hier auf Literaturboot einige vorgestellt habe (über Jacques Brel und über Marguerite Duras sowie über Big Sur in Kalifornien). Nun hat er seinen ersten Roman vorlegt.

Dieser Roman erzählt von zwei außergewöhnlichen Biografien, die des Henkers Rupert Beaufort aus England und die des italienischen Wunderkinds und Starpianisten Sandro Magazzano, in der Zeit von vor dem Ersten Weltkrieg bis in die 1950er Jahre.

Natürlich kreuzen sich beide Lebenswege an einem für beide entscheidenden Punkt. Das ist gekonnt und spannend erzählt, allerdings stören vor allem anfangs einige Wiederholungen den Lesefluss. Als Leser will ich manchmal verzweifelt sagen: Ja, ich habe begriffen, dass der Henker sein grausames Handwerk als Kunst und als Pflichterfüllung betrachtet und dass er sogar der Meinung ist, den von ihm hingerichteten einen Dienst zu erweisen. Sympathisch wird mir dieser Protagonist auch nach der wiederholten Wiederholung nicht. Erst gegen Ende des Buches bekommt er Zweifel an seinem Tun und, endlich, auch menschliche Züge. Wo Beaufort vermutlich endlich begreift, dass nicht nur die von ihm gehenkten, sondern auch er selbst immer wieder den Kopf hinhalten musste. Er für ein System der Justiz und der Politik, über das er sich selbst nicht traut, zu urteilen.

Denn die Todesstrafe ist und bleibt natürlich furchtbar, das perverse Vergnügen an der Vollstreckung und die stumpfe Pflichterfüllung von Beaufort unterscheiden ihn kaum von den Nazis, die er nach dem Krieg in Hameln hängen muss – was er selber ahnt, aber sogleich weit von sich weist. Das Lobpreisen von „tadellos ausgeführten Exekutionen“ ist eine Perversion in sich, die Vollstreckung der Todesstrafe zu einem perfekt ausgeführten Handwerk zu glorifizieren ist schon verstörend. Gibt es ein „humanes Töten“? Kann es das geben? Zumal im Zusammenhang mit Justiz und Verurteilung durch Menschen, durch Gerichte und Geschworene?

Wichtig ist in dieser Hinsicht, dass die Figur des Henkers nicht nur in der Fantasie des Autors entstanden ist, sondern dass er auf einer historischen Figur basiert. Es hat diesen Henker also tatsächlich gegeben, und die, das kann man bei einem gewissenhaft recherchierenden und professionellen Autor wie Jens Rosteck annehmen, wohl genauso entsetzlich „tickte“ wie der pflichtbewusste Henker Beaufort.

Ganz anders ist die zweite Hauptperson, ein verträumtes Bauernkind aus dem ländlichen Norditalien, das von einer alten russischen Adligen als Wunderkind entdeckt und gefördert wird. Sandro wird zu einem weltweit gefeierten Starpianisten, der jedoch vollkommen fremdbestimmt unter der Fuchtel seiner deutlich älteren Ehefrau und Managerin in Personalunion ein Schattendasein fristet – das sich nur dann erhellt, wenn er auf der Bühne brilliert und gefeiert wird. In Paris jedoch – natürlich Paris! – beginnt seine „Emanzipation“, er könnte ein freies Leben genießen, allerdings verfällt er gleich der nächsten verführerischen Frau. Eine Amour fou, eine höchst tragische dazu, die ihn eigentlich ins Leben führen soll, aber schließlich sein Ende besiegelt.

Worum es also geht? Liebe, Leidenschaft und verirrte Persönlichkeiten. Arme Schweine sind sie im Grunde alle beide, die aufgrund ihrer sorgfältig dargestellten Lebensläufe eigentlich keine wirkliche Chance hatten, aus ihrem jeweiligen Schicksal auszubrechen. Insgesamt ein emotional packendes Buch, das auch viel über die englische Gesellschaft der Vor- und Nachkriegszeit erzählt und die Schauplätze lebendig werden lässt: Ein verqualmter englischer Pub, das romantische Paris der Bohème, das rückständige italienische Bergdorf und schließlich auch das nach dem Krieg in der britischen Zone liegende Hameln.

Abschließend sei noch dies bemerkt, da wir hier ja bei Literaturboot und eigentlich, von Ausnahmen wie dieser abgesehen, maritimer Literatur sind. Der „Namensgeber“ des Henkers nämlich, Francis Beaufort (1717 bis 1857), war der Hydrograf der britischen Admiralität. Nach ihm wurde die Windskala von 1 bis 12 Windstärken („Beaufort“) benannt. Vor allem aber hat er sich um das Kartographieren der Weltmeere großen Verdienst und die britischen Seekarten, Admiralty Charts, zu den besten der Welt (damals) gemacht. Vielleicht eine Anregung an den geschätzten Kollegen Jens Rosteck: Auch die Biografie des Francis Beaufort war hoch interessant sowie historisch bedeutend und wäre sicher ein Buch wert!

 

Sie können das Buch gleich hier und portofrei bei Bücher.de bestellen und helfen auch uns ein wenig damit. Vielen Dank!

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