Einhandsegeln

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Ein Buch über das Alleinsegeln, das ist erst einmal gut. Denn das ist ein spannendes, auch vielseitiges und oftmals kontrovers diskutiertes Thema. Davon aber ist hier wenig zu merken. In diesem Buch gibt es keine Diskussionen oder Anregungen, es findet dagegen sozusagen ein „Frontalunterricht“ statt. Dabei werden vom Autor Weisheiten als gültig dargestellt, die ich zum Teil relativieren, zum Teil aber auch als schlicht falsch einstufen würde. Dazu muss ich hier wohl anmerken, dass ich seit einiger Zeit immer mal wieder sehr gerne alleine segele, auch über längere Strecken. Übrigens kommt mir auch dieser Aspekt schon zu kurz: Warum überhaupt alleine segeln? Jedenfalls nicht nur, wie im Vorwort dieses Buches geschildert, als Notlösung, wenn gerade mal keine Crew zur Verfügung steht. Warum man alleine segelt, das geht natürlich sehr viel weiter. Es geht zum Beispiel auch um den reinen Genuss des Allein-Segelns, um die positive Herausforderung, um die mentale Komponente – die übrigens sehr viel mehr zur Sicherheit beitragen kann als all die teure Ausrüstung, die in diesem Buch beschrieben und empfohlen wird.

Aber es gibt auch einige brauchbare Tipps. Und kuriose. Zum Thema „Müdigkeit begrenzen“ erfahren wir in Bezug auf die anregende Wirkung Koffeinhaltiger Getränke, dass diese ihre Wirkung rund 30 bis 45 Minuten nach der Einnahme entfalten. Und dass diese Wirkung sich verlängert „durch den Konsum von Grapefruit oder der Einnahme oraler Verhütungsmittel“. Da staunt der Laie. Welche oralen Verhütungsmittel soll ich einnehmen? Habe ich da irgendwas verpasst? Habe ich womöglich deswegen drei wunderbare Kinder?

Dann das Kapitel Hafenmanöver. Hier werden Tipps zum Festmachen in Boxen mit Pfählen gegeben. Schön und gut, außer dass man dabei vielleicht auch einmal auf Lang- und Kurzkieler und vor allem auf den Radeffekt der Schraube eingehen könnte. Dass man erst einmal an die Pfähle gehen sollte, ist richtig, setzt aber eigentlich eine stabile Scheuerleiste voraus, die leider viele moderne Serienyachten nicht haben. Dann spricht der Autor dauernd vom „römisch-katholischen Einparken“ und meint damit, dass man rückwärts in die Box fährt. „Römisch-Katholisches“ Anlegen aber ist im Mittelmeer üblich (und wird deswegen so genannt) und dort stehen in den Häfen meist keine Pfähle, dort macht man an Muringleinen fest, Heck an der Pier, Bug an besagter Leine (oder vor Anker). Das ist eine ganz andere Art des Festmachens und ein ganz anderes Manöver, als rückwärts in eine „Pfahlbox“ zu fahren.

Oder die liebe Sicherheit. Ein heikles Thema, aber für den Einhandsegler sollte vor allem der so brutale wie einfache Satz im Kopf verankert sein: Über Bord ist über Bord. Ende. All die schönen Sicherheitssysteme, mit denen sich ein Alleinsegler aus dem Wasser wieder an Bord begeben soll – ja, toll wenn es funktioniert, aber ich habe da so meine Vorbehalte. Prävention sollte man, finde ich, dagegen maximal betreiben. Ein Lifegurt, zum Beispiel. Sinnvoll ist der, wenn er so kurz und kräftig ist, dass ich gar nicht erst über die Seite fallen kann. Dann bin ich gerettet. Sollte ich aber, an einem Lifegurt hängend, außen an der Bordwand durchs Wasser geschleift werden, sieht es schlecht aus. Und noch etwas zum Thema „Prävention“: Gepinkelt wird niemals über Bord (könnte man auch bei vollzähliger Crew zur Regel machen). Wer nicht unter Deck auf die Toilette gehen mag oder dort keine hat, nimmt sich im Cockpit einen Eimer oder etwas kleineres „Pinkelgefäß“, benutzt es in der Sicherheit des Cockpits und kippt es danach über Bord. Einfach, effektiv und vor allem sicher. Und, im Falle des Alleinsegelns, auch völlig „ungeniert“!

Dann fallen mir die so eingeworfenen, „absoluten Weisheiten“ auf: Die Steuerung der Wahl für den Einhandsegler sei die Pinnensteuerung, eine Radsteuerung sei für den Einhandsegler ungeeignet. Oder: Ab 40 Fuß Schiffslänge sei Schluss mit dem Alleinsegeln. Quatsch, Käse, tut mir leid, beides. Ebenso wie die Behauptung, die Hochtakelung sei die beste für Alleinsegler, ein Gaffelrigg sei unhandlich. Das kann wirklich nur behaupten, wer noch nie einen Gaffelkutter gesegelt hat, möglichst alleine übrigens, und sich mit der Art und Weise, wie man mit Booten dieses Typs segelt, auseinandergesetzt hat. Denn: In vielerlei Hinsicht ist ein Gaffelrigg einfacher, auch und gerade für den Alleinsegler. Man kann auf jedem Kurs zum Wind sofort (durch fieren des Piekfalls) Druck aus dem Segel nehmen, man kann es aber auch auf jedem Kurs zum Wind bergen. Der langkielige Gaffelkutter wird dabei meist geradeaus weiterfahren, ohne sogleich in den Wind zu schießen. Wer einen Gaffelkutter segelt und sein Boot und Rigg versteht, wird oftmals sehr viel entspannter sein als sein Kollege mit einem hippeligen, nervösen, leichtgewichtigen und hoch getakelten Boot. Ich selbst habe ein glückliches Jahr lang einen solchen Gaffelkutter in Südengland bewohnt und ausgiebig gesegelt, nach Frankreich, zu den Kanalinseln, wohin auch immer, oft mit meiner damaligen Gefährtin, sehr oft aber auch alleine.

Übrigens wird in diesem Buch die für Alleinsegler vielleicht beste Takelung überhaupt nicht erwähnt: Das Dschunkensegel. Ein Alleinsegler, der, Jahr für Jahr, tausende von Seemeilen meist in nördlichen Gewässern zwischen Schottland, Spitzbergen, Island und Grönland alleine segelt, schwört auf dieses Rigg, weil er es unter allen denkbaren Bedingungen nicht vom Cockpit aus, sondern aus dem Niedergangsluk heraus komplett bedienen, auch reffen, kann. Mehr dazu hier auf Literaturboot: Mingming and the Art Of Minimal Ocean Sailing. Ein Buch, übrigens, das für diejenige oder denjenigen, die oder der längere Strecken über See alleine segeln möchte, unglaublich viel Inspiration und praktische Hinweise gibt.

Ja, trotz allem gibt es auch gute Tipps in diesem Buch, aber leider diskreditiert es sich durch einige, wie ich zumindest finde, fachliche Ungenauigkeiten, die dann aber auch noch in einem ziemlich lehrerhaften Ton daherkommen. Schade, eigentlich.

Hier kann man das Buch bestellen.

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