Seefieber

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Ein Wahnsinniger! Ein Wahnsinniger muss es gewesen sein, der diese Reise unternommen hat, in einer Hansa-Jolle von Süditalien aus nach Afrika und durch das Rote Meer. Allerdings, ein Wahnsinniger im positiven Sinne, ein Abenteurer der sich einen Dreck schert um seglerische Weisheiten oder gar Konventionen, getrieben von der Lust am Entdecken und auch von der Lust an der Seefahrt, am Segeln. Und das Anfang der Sechziger Jahre.

Das Buch über diese und zwei weitere bemerkenswerte Reisen – Transatlantik im kleinen Sperrholz-Kimmkieler und um die Welt im nur wenig größeren, Sieben-Meter-Boot, liegt nun vor, in neuer Fassung und versehen mit einem sympathischen Vorwort von Marko Rössler, der 2013 mit dem damals 92-Jährigen ein letztes, ausgiebiges Interview führte für den Westdeutschen Rundfunk: „Heute werde ich den Helden meiner Jugend treffen“, beginnt Rössler, und einige Sätze später geht es so weiter: „Als 11-jähriger hatte ich erstmals dieses Buch von Rollo Gebhard in Händen. Seine Abenteuer mit winzigen Booten auf den unendlichen Ozeanen haben mich hinein gesogen in einen Strudel aus Abenteuern und Sehnsucht. Drei Mal umrundete er unter Segeln die Welt. Ich kenterte mit ihm in den Wellen des Roten Meeres, wir wurden von Piraten überfallen, suchten gemeinsam einen Schatz auf der Cocos-Insel und nahmen vorsichtig Kontakt zu Ureinwohnern der Südsee auf…“ – mehr muss man eigentlich schon gar nicht mehr sagen. Dies ist starker Stoff.

Und doch. Die Rede ist von Rollo Gebhard und der wiederum erinnert mich an Ludger Wegmann, dem Bootsbauer, der 1960 mit einem Piraten von Bremen zur Olympiade nach Rom wollte und es auch fast geschafft hat, durch Kanäle, Flüsse und Mittelmeer, doch der hat leider kein Buch darüber geschrieben. Das war damals, in den Siebzigerjahren, als Rollo Gebhard auch für mich ein Held hätte sein können, bei den etablierten Seglern eher verpönt. Dort geriet man, als Segler wie als Autor, durch allzu lautes Marketing der Verlage, durch allzu freizügigen Gebrauch von Superlativen – „noch niemals zuvor hatte jemand…“, „ein ungeheures Wagnis…“, „eine ganze Generation inspiriert…“ und so weiter nur zu leicht in Misskredit. Überhaupt hat sich das Segel-Establishment jener Jahre ja immer wieder sehr schwer damit getan, große Leistungen von Außenseitern einfach mal als solche anzuerkennen, ja, überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Diese Arroganz der ach so erfahrenen, allwissenden und etablierten Segler also, die über solche wie ihn, oder auch dem jungen Wilfried Erdmann und später Axel Czuday und anderen die Nasen rümpften, weil diese Außenseiter und Abenteurer doch so offenkundig alles falsch machten, was man als Segler nur falsch machen konnte – „gute Seemannschaft“, wie sie gepredigt wurde, war das, was diese Leute anstellten, gewiss nicht – hat sich mir als jungen Menschen dem Entdecken des Autors und Seglers Rollo Gebhard in den Weg gestellt. Dass natürlich gerade diese „Geächteten“ in Wirklichkeit das Entscheidende richtig machten, nämlich konsequent und mutig und unbeirrt von solch kleinkarierten Gekrittele ihren Träumen zu folgen, wurde dabei in den meisten Segelclubs natürlich nicht erkannt.

Schön, also, dass ich – und nicht nur ich – ihn jetzt, dank dieser Neuauflage bei millemari, endlich richtig entdecken darf. Und was es da zu entdecken gibt! Aufregend zu lesen, was ihm und seiner armen Hansa-Jolle im Roten Meer und auf dem Weg dorthin zustößt. Dieser noch nicht einmal sechs Meter lange Kielschwerter, gebaut gleich nach dem Kriege auf der noblen Werft Abeking & Rasmussen, galt als hübsches und gut segelndes, auch tüchtiges Boot. Heute wird es als Klassiker verehrt, aber um damit über die Riffe des Roten Meeres zu schrabbeln, war ganz sicher nie gedacht. Und danach, mit einem nur wenig längeren Sperrholz-Kimmkieler aus England in die Karibik. Alleine die Schilderungen der Karibik der Sechzigerjahre lässt mich wehmütig werden, dann trifft er dort auch noch solche Leute wie Tomi Ungerer, der ihn nach New York lockte, oder gar die britische „Queen Mum“ (in Antigua). Schließlich, als dritte in diesem Buch beschriebene Reise, folgt seine erste Weltumsegelung – in einem auch nur sieben Meter kurzem Boot, das jedoch – Gipfel des Luxus! – über eine eingebaute Toilette und einen ebenfalls fest eingebauten Dieselmotor verfügte.

Kurzum – toller Stoff, tolles Buch, tolles Lesen. Und ja, inspirierend ist es auch. „Was mache ich hier eigentlich“, dürfte sich insgeheim so mancher fragen der, wie Marko Rösseler es in seinem Vorwort schreibt, zwar alle Segelscheine hat und ein eigenes Boot, aber eben auch „eine Familie, einen Job, viele Verpflichtungen und keine Zeit für eine Weltumsegelung.“ Dafür einen „Mittelklassewagen mit zwei leeren Kindersitzen auf der Rückbank…“

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