Feuer am Wind

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Traditionsschiffe von heute – maritime Kultur für morgen

Rund 200 Traditionsschiffe fuhren im Jahr 2000 unter deutscher Flagge und seitdem sinkt die Zahl kontinuierlich. 150 waren es noch 2008, in diesem Jahr gerade mal noch etwa 110 alte Schiffe oder Repliken davon. Nimmt die Begeisterung für den Erhalt historischer Fahrzeuge ab? Sind immer weniger Menschen bereit, ihr Geld und ihre Freizeit zu „opfern“, um kirchlichen Jugendgruppen, Pfadfindern, Menschen mit geistigem oder körperlichen Handicap, Erwachsenengruppen oder Kindern die Faszination traditioneller Seefahrt zu vermitteln?

Natürlich hing mancher Eigner die Traditionsschifffahrt altersbedingt an den Nagel. Aber nach wie vor brennen Menschen in Deutschland dafür, auf historischen Schiffen zu fahren, traditionelle Seemannschaft zu praktizieren, altes Handwerk anzuwenden und dieses Wissen an Interessierte weiterzugeben. Die Traditionsschiffer-Szene in Deutschland besteht bei weitem nicht nur aus altgedienten Kapitänen und sonstigen Pensionären, die nicht von Schiffen lassen können. Vielmehr bietet sie einen breiten Querschnitt durch die Gesellschaft. Alle Berufsgruppen sind hier vertreten und das Alter der Steuerleute, Bootsleute, Maschinisten, Skipper, Handwerker oder sonstwie Helfender reicht von Jugendjahren bis weit übers Renten-Eintrittsalter.

Segeltoern Biskaya Sued auf der Roald Amundsen

Die Rahmenbedingungen werden jedoch zusehends schwieriger. Im Sommer 2013 erhielten zahlreiche deutsche Traditionsschiffe von der Berufsgenossenschaft Verkehr keine Fahrterlaubnis mehr, weil ihnen die nötige Historizität abgesprochen und ihre Sicherheit in Zweifel gezogen wurden. Die Gemeinschaft der Traditionsschiffe in Deutschland startete vielfältige Proteste: auf dem Wasser, an Land, in den Medien und auf politischer Ebene. So wurde eine Übergangslösung bis Mitte 2015 erreicht.

„Dass man aber versucht, uns generell als eine Gefahr für den Schiffsverkehr anzuprangern, dass man offen das Ziel formuliert, uns das Handwerk legen zu wollen, das lassen wir uns nicht gefallen“, schreibt Jochen Storbeck vom See-Ewer „Petrine“ noch hörbar erbost im Vorwort dieses Buches. Das soll jedoch nicht die Streitigkeiten zum Thema haben. Sondern ein Medium sein, „das die Aufmerksamkeit wieder auf unsere Schiffe lenkt. In dem wir zeigen können, was der Bordalltag auf einem Traditionsschiff bedeutet, wie bunt das Leben mit Traditionsschiffen ist und wie viel Freude es macht, auf ihnen mitzusegeln.“

Segeltoern Biskaya Sued auf der Roald Amundsen

Schiffseigner, Gäste und mitgereiste Journalisten berichten von 24 traditionellen Segelschiffen und einem historischen Motorschlepper, dem kombinierten Binnen- und See-Schlepper „Alk“ (Baujahr 1924, Heimathafen Cuxhaven). Der 14-jährige Jan Hendrik Lill erzählt, wie er „Segelbeine“ an Bord der Gaffelketsch „Sigandor“ bekam. Kristina Müller beschreibt einen Lehrgang zu den Themen Sicherheit und Notfallmedizin auf dem Bremer Weserkahn „Franzius“ und Christiane Miehe blickt dankbar auf ihren Törn an Bord des Nordsee-Haikutters „Platessa von Esbjerg“ zurück. „Was nehme ich von all dem mit an Land? Für mich ist es das Gefühl, willkommen gewesen zu sein, Gemeinschaft und Toleranz erlebt zu haben. Diese wunderbare Erfahrung will ich als Landratte gern weitergeben.“

Jagtquatze Ernestine

Drei Interviews zu aktuellen Fragestellungen runden den Text ab. So entstand ein schmuck gestalteter, lebendiger Einblick in die deutsche Traditionsschiffs-Szene. Die Texte aus erster Hand heben sich wohltuend vom immer gleichen Fakten-Herunterbeten in „Große Schiffe“-Bildbänden ab. Die verwendeten Bilder sind gut, wenn auch vereinzelt etwas dunkel und zu stark nachbearbeitet.

„Feuer am Wind“ zeigt, dass Traditionsschiffe keine einfachen Fortbewegungsmittel sind. Für viele, die sich für ihren Erhalt einsetzen und die auf ihnen fahren, besteht eine regelrecht liebevolle Verbindung zu ihrem „alten Kahn“. Svenja Weil lernte ihren Mann auf der „Johanna“ kennen. Für die Heirat kam 2013 natürlich nur ein geeigneter Ort in Frage: der 1903 gebaute Besan-Ewer, auf dem alles begann. Nele Hybsier brachte ihren beiden Söhne an Bord ihrer Pommerschen Jagtquatze „Ernestine“ (Baujahr 1899) zur Welt. Bei so enger Verbundenheit ist allen Traditionsschiffern zu wünschen, dass sie weiterhin ihre maritimen Kulturdenkmäler in Fahrt halten dürfen.

Das Buch endet mit dem Porträt der „Providentia“ und einem (hoffentlich gerechtfertigt) optimistischen Blick in die Zukunft. Schüler und Schülerinnen der Ostseeschule in Flensburg sanieren den 1895 gebauten Finkenwerder Hochseekutter im Rahmen eines bemerkenswerten Jugend-Schul-Projekts. 2016 soll die „Providentia“ – als Traditionsschiff zugelassen – in ihre erste Saison starten. Auf dass die Jugendlichen „ihr Schiff“ auch segeln können. Ich drücke die Daumen.

Wie wird doch der britische Politiker Thomas Morus so passend auf dem Buchtitel zitiert? „Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“

 

Für zehn Euro zu beziehen über www.traditionsschiffe.info

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