Vergossene Milch

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„Navegar é preciso; viver não é preciso“, heißt es in Chico Buarques Lied „Tanto mar“: „Segeln ist notwendig, das Leben ist es nicht.“ Chico Buarque ist einer der bekanntesten und profiliertesten Musiker der MPB, der „Música Popular Brasileira“. Immer wieder hat er auch seine Heimatstadt Rio de Janeiro und ihre betörende natürliche Schönheit besungen. Und sein Song „A pesar de Você“, „Trotz Ihnen“, wurde zur Hymne des Widerstands gegen die Militärdiktatur in Brasilien.

Chico Buarque ist aber auch Autor von Theaterstücken, Drehbüchern und Romanen. Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse, deren Ehrengast dieses Jahr Brasilien war, ist nach „Budapest“ ein zweiter Roman Buarques auf Deutsch erschienen: „Vergossene Milch“. Im Mittelpunkt steht die Lebensgeschichte Eulálio Assumpçãos, Sprössling einer brasilianischen Großgrundbesitzerfamilie, die sich in einem unaufhaltsamen Niedergang befindet. Anhand seines Protagonisten gelingt es Buarque die Irrungen und Wirrungen eines ganzen Jahrhunderts der brasilianischen Geschichte aufzurollen.

Sein Roman, bei dem Vergangenheit und Gegenwart eng miteinander verwoben sind, erzählt nebenher auch von der rasanten Entwicklung Rio de Janeiros – jener „wunderbaren Stadt“ am Meer, in der Buarque in einem intellektuellen, großbürgerlichen Elternhaus aufgewachsen ist. Von den atemberaubenden Veränderungen Rios Anfang des 20. Jahrhunderts zeugt die Geschichte des Familien-Chalets, das der Großvater Eulálio Assumpçãos im Schweizer Stil an der Copacabana zu einer Zeit hatte errichten lassen, als das noch ein Dorf und kein urbanes Strandviertel war. Wenige Jahrzehnte später muss das Chalet schließlich einem mehrstöckigen Appartementhaus weichen und versetzt werden.

Wer mehr über die brasilianische Geschichte, Selbstbild und Identität der Brasilianer, erfahren möchte, dem sei ein Buch von Chico Buarques Vater ans Herz gelegt, dem großen Historiker Sergio Buarque de Holanda. Sein 1936 verfasster Essay „Die Wurzeln Brasiliens“ ist gerade ebenfalls neu auf Deutsch herausgebracht worden worden. Im Zentrum steht mit „Cordialidade“, der „Herzlichkeit“, ein wichtiger Begriff zum Verständnis der brasilianischen Sozialbeziehungen. Laut Sergio Buarque de Holanda habe sich solch „Cordialidade“ aus informeller Nähe und beibehaltener Hierarchie im Umgang zwischen Sklaven und ihren Herren im Laufe des 19. Jahrhunderts zur nationalen Geste entwickelt. Diese widersprüchliche Gleichzeitigkeit von lockerem Umgang im Alltag bei weiter bestehender sozialer Abgrenzung hat in Brasilien bis heute eine gewisse Gültigkeit.

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