Die Sprache des Windes

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Francis Beaufort und seine Definition einer Naturgewalt

Wer kennt sie nicht? Die Beaufort-Skala, jene Einteilung des Windes in zwölf Stärken – von Windstille bis Orkan. Scott Huler (Jahrgang 1959) stieß während seiner Arbeit eher zufällig im Merriam-Webster´s New Collegiate Dictionary auf die Skala. Der US-amerikanische Autor, Journalist, Lektor und Nichtsegler verliebte sich umgehend in dieses Meisterwerk poetischer, anschaulicher, auf den Punkt gebrachter Beschreibungen. „In der Beaufort-Skala wird der Wind wie ein Destillat in einem Reagenzglas auf seine Grundbestandteile reduziert.“

Huler war fasziniert und wollte mehr erfahren über den Verfasser der Skala, Admiral Sir Francis Beaufort. Er begab sich auf die Spurensuche und näherte sich letztlich der Skala und dem Menschen Beaufort aus jeder erdenklichen Richtung. Durch Recherche in unterschiedlichsten Archiven und Bibliotheken, den Besuch einer niederländischen Windmühle in den USA, Gespräche mit Seglern, umfangreiche Korrespondenz mit den Autoren der Beaufort-Biographien, Wetterkundlern, etc.

Die wissenschaftliche Herangehensweise wird ergänzt durch ganz persönliche Erlebnisse des Autors. Huler lernt die Flaute an Bord der niederländischen Bark „Europa“ kennen, reist auf dem Rio de la Plata nach Montevideo, um mit eigenen Augen zu sehen, was Beaufort ehemals zeichnete und notierte, lernt selbst das Zeichnen, bastelt sich ein Anemometer (Windmessgerät) und ergänzt die große Zahl individualisierter Beaufort-Skalen um seine ganz persönliche. Wobei sich über den Sinn einer „Beaufort-Skala für die Entzündbarkeit von Zigaretten im Freien“ natürlich trefflich streiten lässt.

Dennoch ist es ein Geschenk, in Zeiten, in denen Spesenabrechnungen häufig wichtiger zu sein scheinen als Rechercheergebnisse, das Endprodukt eines solchen Mammutprojekts lesen zu dürfen. Dank Recherchestipendien findet der Leser ein unterhaltsam flott geschriebenes, neugieriges und wohl ausgearbeitetes Werk, in dem Maritim-Interessierten bekannte Protagonisten am Rande Beauforts Lebensweges auftauchen: Kapitän Bligh von der „Bounty“ ebenso wie Kapitän Cook von der „Endeavour“, Daniel Defoe oder Charles Darwin, den Admiral Francis Beaufort selbst als Wissenschaftler auf die „Beagle“ vermittelte.

Francis Beaufort kam 1774 als mittleres von sieben Kindern in Irland zur Welt. Mit 14 Jahren stach er als Kadett auf einem Handelsschiff nach China und Westindien in See. Mit 16 hatte sich sein schon als Kind geäußerter Wunsch, zur See zu fahren, unwiederbringlich verfestigt. Es zog ihn „intuitiv zum Sextanten, zum Nivelliergerät und zu Tinte und Feder – den Instrumenten des Hydrographen“. Zeit seines Lebens notierte Beaufort, der später das Hydrographische Bureau der Admiralität als dessen Leiter zum bedeutendsten Institut seiner Art weltweit machte, all seine Beobachtungen peinlich genau. „Mein Wahn besteht wohl darin, Peilungen für Karten und Pläne vorzunehmen“, heißt es schon 1806 in seinem Tagebuch. Bis zu seinem Tod 1857 zeichnete er täglich seine Wetterbeobachtungen auf. Auch sein „trauriges und peinliches Kapitel in einem fabelhaften Lebenslauf“, den Sex mit seiner Schwester, notierte Beaufort. Ebenso in den letzten Lebensjahren seinen sich stetig verschlechternden Gesundheitszustand und selbst die Ergebnisse seiner Toilettengänge.

„In einem Augenblick, der unter Meteorologen fast mythische Dimensionen angenommen hat“, schrieb Beaufort 1806 als Kommandant der „Woolwich“ in sein Wettertagebuch aber viel Wichtigeres: „Fortan werde ich die Stärke des Windes gemäß folgender Skala schätzen, denn nichts vermittelt eine unklarere Vorstellung von Wind und Wetter als die alten Ausdrücke mäßig und bewölkt, etc. etc.“ In der später nach Beaufort benannten Skala führte ihr Namensgeber die Arbeit von John Smeaton und Alexander Dalrymple fort. Huler zeigt in seinem Buch auch die späteren Modifizierungen und Ergänzungen bis zum heutigen Tag und stellt die Würdigungen der Skala in der Kunst vor. Die von ihm so geschätzte Prosa der „Auswirkungen des Windes an Land“ stammen übrigens von George Clark, Wetterbeobachter in North-Shield.

Scott Huler gewährt außerdem einen hoch interessanten Einblick in Evolution der Wissenschaften. Und kommt schließlich – wie viele vor ihm – zu dem Schluss, „dass unser eigener Körper das großartigste Wahrnehmungsinstrument ist, das je geschaffen wurde“. Ein tolles Buch, das lediglich auf den letzten Seiten durch einige Wiederholungen etwas langatmig wird und in der Beschreibung eines Segelschiffes ein paar Fehler enthält.

Dass der mareverlag selbst die Taschenbuch-Ausgabe des von Harald Stadler übersetzten Tatsachen-Romans vorbildlich ausstattet, muss eigentlich nicht extra erwähnt werden. Das beigefügt Lesezeichen zeigt die Beaufort-Skala in der Version nach Kapitän Petersen, der die „Auswirkungen des Windes auf See“ beschrieb. Auf der Rückseite sind zwei Fotos des Magnum-Fotografen Elliot Erwitt zu sehen, die in Erwitts bekannter, Augen-zwinkernder-Art, den Wind zeigen.

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