Ein Sturm

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4. Oktober. Vorgestern habe ich einen Kaffee oder zwei getrunken mit Anja Grosse, einer segelnden Künstlerin, die ich im Sommer beim Segeln getroffen hatte. Ich werde einen Artikel über sie schreiben in der Zeitschrift GOOSE (www.classics.robbeberking.de/goose/index.html) und sie gab mir diesen schönen Text, auch das ist feinste maritime Literatur:

 

Wie ich einmal in einen Sturm kam.

 

Es gibt viele Texte darüber wie Segler in Stürme kommen aber meiner ist anders allein schon weil mein Sturm gar keiner war. Es war eine graue Grenze am Himmel, die Deutschland von Dänemark abtrennte.

 

Von Norden kommend hatte ich das ganze Wochenende schönes Wetter gehabt, so konnte ich das alleine segeln einigermaßen genießen.  Am Freitag Nachmittag war meine letzte Crew nach Hause gefahren von irgendeiner der gleich aussehenden Städte am Ende von Fjorden, von denen es immer heißt, es lohne nicht den ganzen Weg durch den Fjord nur um diese nichts sagende Stadt zu besuchen. Das stimmt nie, der Fjord lohnt das hinein- und wieder hinaussegeln jedes Mal, und die Städte sind eine angenehme Abwechslung zu den völlig auf Yachtbetrieb eingestellten kleinen Häfen mit Duschen, Eis und Krebsrutschen.

 

Ich segelte durch den Vejle Fjord, Snævringen, den kleinen Belt. An einem Tag sah ich 17 Schweinswale und einen Seehund. Ich segelte an Årø vorbei, obwohl ich den Hafen mag. Da ich aber die beiden letzten Nächte geankert und danach bei einen total überflüssigen Besuch in Fredericia bereits einen Kulturschock erlitten hatte, ließ ich mich am Hafen vorbei ohne rechten Plan nach Süden treiben. Ich wollte nicht unter lauter munteren Bootsbesatzungen zufriedenes Einhandseglerinnenleben simulieren müssen. Auf dem Wasser bin ich nicht einsam, im Hafen schon.

 

Der Wind ließ nach.

 

Da war diese graue Wand schon da, ich hätte umkehren können.

 

Ich wollte zwar durchaus ein bisschen gerne nach Hause nach drei kalten windigen Wochen, hatte aber in Wirklichkeit keinen Grund zur Eile. Ich weiß nicht, warum ich immer weiter auf das graue Ding zugefahren bin. Ich wusste genau, dass es sich nicht auflösen würde. Zuhause wird es sowieso regnen. Ich muss da sowieso irgendwann durch oder hin oder beides. Irgendsowas.

 

Der Wind war immer noch schwach, als das graue Ding sich in Einzelerscheinungen zu differenzieren begann, dabei nahm es die ganze Breite des Horizonts ein und reichte vom dänischen Festland über die Insel Als bis weit in die dänische Südsee hinüber. Es war riesig. Im vorderen Bereich formte sich eine Walze, die quer über die ganze Breite reichte. Sie sah aus wie die Bürsten in einer Autowaschanlage, nur nicht blau, sondern grauschwarz, und drehte sich. Das kann nicht sein, das sieht man nicht, aber es sah so aus als ob man das Drehen sehen könnte. Dahinter zog sich schräg eine Furche durch die Wolke wie eine einzelne Sturmspur innerhalb des gewaltigen Komplexes.

 

Kurze Zeit später war der ganze Himmel mit Wolken bedeckt, die aussahen wie von oben beleuchtete durchscheinende Berge, sehr plastisch, die Walze war fast über mir und dahinter sah ich mehrere unordentlich die Wolkendecke zerschneidende Wirbelstreifen.

 

Da die ganze Zeit kaum Wind wehte, hatte ich kein Segel gerefft. So kam es, dass ich als der Wind auf mich eindrosch von einer Sekunde zur anderen in einem Durcheinander von schlagenden Segeln und sich verknäuelnden wild zuckenden Fallen und Schoten stand, wobei ich gar nichts sah weil mir entweder die Haare vor den Augen herumwehten oder die untaugliche Kapuze ins Gesicht rutschte. Als ich die Kapuze aufgab und durch die Haare hindurch versuchte, mich zurechtzufinden, war jedes Land weg, die Insel, die ich ansteuern wollte, verschwunden, mein MiniaturGPS der ersten Stunde zeigte in eine unwahrscheinliche Richtung zum Wegepunkt und ich musste schnell die Sprayhood hochklappen und festzurren, um mich vor den Hagelkörnern wegducken zu können.

 

Irgendwie habe ich es geschafft, die Genua einzurollen, obwohl ich nach vorne musste, weil der Achterliekstrecker sich in dem kleinen Windanzeiger am Unterwant festgehakt hatte. Ich habe es auch geschafft, das Groß zweimal zu reffen, meine Position in etwa zu ermitteln und die Maschine anzuschmeißen, um ungefähr in die Richtung zu fahren, die ich mir vorgestellt hatte.

 

Ich hätte stolz sein können, wie ich, obwohl kaum etwas auf Anhieb klappte, einfach so lange weitergemacht hatte, bis ich das Schiff  wieder auf Kurs hatte. Nicht mal sonderlich nass war ich geworden, denn das Ölzeug war überraschend dicht. Es war nichts kaputt gegangen. Ich hätte ein richtig dickes Ding daraus machen können, was ich alles alleine schaffen kann.

 

Stattdessen war es das Ende von etwas. Ich war gar nicht stolz. Ich hatte einfach keine Lust mehr.

 

Ich habe duzende Bücher von Einhandweltumseglern und dergleichen gelesen, und je kauziger die Autoren und entlegener die Routen, desto gieriger verschlang ich die Geschichten. Das werde ich auch weiterhin tun. Ich werde auch wieder alleine segeln.

 

Aber das Schönste an der Reise war der Moment, als die Folkebootfamilie, die nachdem sie mir beim Anlegen geholfen hatte und ich verdattert und triefend in meinem Cockpit stand und kaum glauben konnte, das ich angekommen war, unter ihrer Persenning hervorlugend zurief: „Willst du einen guten schottischen Whisky?“

 

Der Abend unter ihrer winzigen Plane mit Geschichten vom Segeln und Nichtsegeln, die Freundschaft, die man sofort schließt in kleinen Booten bei schlechtem Wetter hat mir eigentlich viel besser gefallen als das heldenhafte nervenaufreibende Alleinesegeln.

 

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Ein Sturm - Literaturboot - Yachten & Segler

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