Der Lenz isst da

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23. Oktober. Die Region um Flensburg und beiderseits entlang der Flensburger Förde habe ich schon immer geliebt. Es gibt kaum ein schöneres Segelrevier als diese Förde und die sich daran anschließenden, zauberhaften Gewässer zwischen den kleinen Inseln Dänemarks. Auch die Stadt Flensburg hat sich über die Jahre gemacht. Und mittlerweile kann man hier sogar auch ganz gut essen.

 

Das war ja nicht immer so. Siegfried Lenz, der eine Dänin geheiratet hat und hier lebt, schrieb einst über seinen Kummer mit »Jütländischen Kaffeetafeln«. Dann sah man ihn aber auch im Restaurant von Christian Bind in Sønderhav die hohe Küche genießen.

 

Das Bemerkenswerte daran ist, dass Lenz damit genau jene Entwicklung nachvollzieht, über die ich mich auch so sehr freue. Aus dem einstigen kulinarischen Katastrophengebiet Dänemark (und Norddeutschland) ist ein Revier für Genießer und Kenner geworden. Bind, der sein elegantes Restaurant erst vor kurzem eröffnete aber ebenfalls schon lange dabei ist, wurde bereits andernorts mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet.

 

Darf ich Sie zitieren, hochverehrter Herr Lenz? Erinnern wir uns mit Ihrer Hilfe an die erdrückenden Ernährungsgewohnheiten der frühen Jahre. Fett, kalorienreich und vitaminarm sollte es sein, so schien jedenfalls das Credo der Köche und Hausfrauen. Nachdem Sie und Ihre Frau schon reichlich gemästet waren an jener Kaffeetafel, passierte dies: »Doch kaum hatte ich mich zurückgelehnt, als ein Hügel von kränklicher Weiße gebieterisch auf mich zuschwebte, ein Gletscher, bedeckt mit bräunlichem Moränenschutt, waghalsig verziert mit Kirschen, die dem erstarrten Schaum sanft eingedrückt waren: die erste Großtorte, der Lovkager, der Stolz der Hausfrau, den abzulehnen einer Beleidigung gleichgekommen wäre. Das vorzeitlich anmutende Ungetüm des Genusses wurde in die Mitte der Tafel gestellt, ein ererbtes Tortenmesser brachte ihm die erste Wunde bei, und dann wurde namentlich jeder aufgefordert, seinen Teller heranzureichen zum Empfang kiloschwerer präzis geschnittener Batzen. Wieviele Schichten waren da verständig übereinander gelegt, der Boden erinnerte an Jütlands sandgraue Küsten, die erste Füllung an seine dunkle Torferde, etwas Versteiftes, Klumpiges gemahnte an einheimische Hünengräber, und beim Anblick der lastenden Sahneschichten musste ich an jütländische Winter denken.«

 

Damit nicht genug. »Plötzlich neigte sich mir mein Nachbar zu, zwinkerte und riet mir, den Teller rasch leerzuessen, da gleich die Napoleonschnitten dran wären, ein mit Vanillepudding gefülltes Labsal, schön zittrig unter glasiertem Blätterteig. Und kaum hatte der kreisende Teller ihn erreicht, als er mir auch zwei Stücke zuschaufelte, jedes so dick wie Tolstois Krieg und Frieden

 

Schließlich, nachdem Sie sich für einige Minuten an die frische Luft gestohlen hatten: »Der Teller an meinem Platz konnte mein Teller nicht sein, denn ich hatte ihn leer hinterlassen, und jetzt lastete auf ihm, plätteisengroß, ein naturfarbenes Stück Nusstorte, mit Buttercreme ehrlich angereichert, eine Spezialität der Hausfrau. Ich beäugte das Stück, stach es, stupste es mit dem Gäbelchen, fragte es ab: Es wollte nichts weiter als bewältigt werden.«

 

Zum Glück ist all dies Vergangenheit. Vollkommen zeitlos und ganz unbedingt lesenswert hingegen wie alle Werke von Siegfried Lenz ist auch seine hinreißend komische Erzählung über eben diese Jütländischen Kaffeetafeln.

Ach ja, und hier noch die Adresse von Christian Bind: Fjordvejen 120, Sønderhav. Tel. 0045/74 67 88 22. Geöffnet Dienstag bis Samstag von 18 bis 21 Uhr, Tischbestellung 10 bis 14 Uhr, mail@restaurantbind.dk.

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